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Orishas Biographie


Die kubanische Revolution nimmt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts eine Ausnahmestellung ein. Das Refugium des Sozialismus unter karibischer Sonne ist ein Musterbeispiel an Hartnäckigkeit. Noch immer schwingt sich Fidel Castro zu stundenlangen Marathonreden auf und verteidigt sein politisches System mit allem rhetorischen Geschick, während eine ganz andere Revolution weltweit um sich gegriffen hat: die der kubanischen Musik. Aber aufgehorcht, die Orishas sind der lebende Beweis, dass die kubanische Musikszene mehr zu bieten hat als den Charme ehrwürdiger Musiker im Rentenalter und die Leidenschaft von Salsatänzern. Benannt haben sich die Orishas nach den Gottheiten der Santeria, jener Religionsmixtur aus afrikanischen Glauben und Katholizismus, die es so nur auf Kuba gibt. Das im Pariser Künstlerexil lebende HipHop-Quartett greift mit einem Album ins aktuelle Musikgeschehen ein, das eine neue Welle kubanischer Klangherrlichkeiten auslösen könnte. Denn "A Lo Cubano" macht da weiter, wo der Buena Vista Social Club seine Pforten geschlossen hat.

0 Die vier Bandmitglieder der Orishas stammen ursprünglich aus Havanna und kannten sich bereits flüchtig aus ihrer Heimatstadt. Livan lebt bereits seit Mitte der Neunziger in Frankreich. Zunächst arbeitete er als DJ für Radio Nova und schloss sich dann der Latin-Formation Sargento Garcia an (deren auf Virgin erschienenes Debütalbum "Un poquito quama'o" hier noch einmal wärmstens empfohlen sei). Gemeinsam mit dem französischen Produzenten Niko, einer Koryphäe der Pariser HipHop-Szene, entwickelte er die Idee einer rein kubanischen HipHop-Formation mit musikalischer Verwurzelung in der afro-kubanischen Folklore. So engagierte man mit Roldán einen Sänger, der sich sowohl auf Kuba als auch in Frankreich als exzellenter Gitarrist und Sänger des Son ausgezeichnet hatte. Und die beiden Rapper Ruzzo und Yotuel hatten bereits mit der HipHop-Formation Amenaza beim Rap-Festival in Havanna für Furore gesorgt und standen somit auf der Wunschliste ganz weit oben.

Natürlich greifen auch Livan, Roldan, Ruzzo und Yotuel auf den legeren Flair karibischer Klänge zurück und so beginnt denn "A Lo Cubano" mit den archetypischen hypnotischen Trommeln, die einen im afrikanischen Yoruba (ein Dialekt nigerianischen Ursprungs) gehaltenen Chant begleiten, in dem die Götter der Santeria beschworen werden: ein vortrefflicher Auftakt zu einer magischen Reise durch die schillernde kubanische Musikkultur mit etwas anderen Mitteln. Denn die mit feisten spanischen Rhymes unterlegte Mixtur aus Rumba, Son und Salsa hat man in solcher Perfektion und mit so viel Pop-Appeal bis dato noch nicht gehört. Offensichtlich waren die Götter den Orishas bei den Aufnahmen wohl gesonnen. Doch auch auf prominente irdische Unterstützung griff das Vierergespann zurück: Mit Anga Diaz gewannen sie den Percussionisten von Irakere, der berühmten kubanischen Big Band von Chucho Valdes. Und neben einem guten Dutzend weiterer Studiomusiker vom Tres-Spieler (der kleinen kubanischen Gitarre) über Streicher, Bläser, Pianisten bis zum Scratcher sollen auch Jazzer wie Roy Hargrove und Steve Coleman dem Quartett beratend zur Seite gestanden haben. Last but not least sorgte der kolumbianische Mixer Mario Rodriguez, der schon für Brandy, Notorious B.I.G. und Foxy Brown an den Reglern saß, für die punktgenaue Abmischung.

Die große Kunst der Orishas besteht darin, dass es ihnen mit spielerischer Leichtigkeit gelingt, die verschiedensten kubanischen Musikformen mit Rapmusik nahtlos zu verbinden. Old School auf kubanisch. Während US-Rapper Soul- und Funk-Archive plündern, legen die Orishas jedem ihrer vierzehn Songs ein typisch kubanisches Motiv oder Zitat zugrunde. Dabei mischen sie Samples kongenial mit live eingespielten Parts. Entsprechend authentisch und warm klingen Songs wie "1.9.9.9.", eine tiefe Ehrbezeugung an den populären Salsa von Charanga Habanera, frivol-freche Salsa-Stars aus Havanna, oder "537 C.U.B.A.", das auf Compay Segundos internationalem Kuba-Retro-Hit "Chan Chan" basiert. In den Texten der Orishas spiegelt sich der Mythos Kubas ebenso wider wie die kubanische Seele. "Madre" ist allen Müttern gewidmet, "Barrio" der Nachbarschaft und viele andere Songs setzen sich mit alltäglichen Problemen des Lebens auf Kuba auseinander.

Zwar prangern die Orishas die schwierigen Lebensumstände in ihrer Heimat an und versuchen mitunter Vorurteile abzubauen, doch mit politischer Kritik halten sie sich zurück. Eher schon bedienen sie sich so gekonnt wie freimütig diverser Stereotypen, um im Sprachspiel schlussendlich ihre eigene Identität zu proklamieren: Wir sind Kubaner und wir sind verdammt stolz darauf. Auf Kuba kursieren dementsprechend bereits etliche Kassettenkopien des energiegeladenen Debütalbums der Orishas. Dass "A Lo Cubano" erst ein Jahr nach Veröffentlichung in Spanien und Frankreich bei uns erscheint, spricht dafür, dass Gottes Mühlen langsam mahlen, dafür aber umso gründlicher. Das trifft eben auch auf die Orishas zu. Latin-HipHop voller Lebensfreude, der mit kubanischer Herzlichkeit und mit nicht weniger Hartnäckigkeit seine Kreise zieht.
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Als die Orishas 2003 mit dem Latin Grammy als beste HipHop-Band ausgezeichnet wurden, war dies auch Anerkennung für das, was die kubanische Formation in ihrer bisherigen Karriere bewirkt hat. Sie haben den Rap Cubano international hoffähig gemacht, konstatierte das amerikanische Time Magazine zu Recht. Und die rundum gelungene Symbiose aus traditioneller kubanischer Musik und modernem HipHop öffnete dem "Buena Vista Youngster Club" (Die Welt) tatsächlich allerorten Tür und Tor. Die ersten beiden Alben "A Lo Cubano" (1999) und "Emigrante" (2002) ernteten durch die Bank höchstes Kritikerlob und avancierten sowohl in Europa als auch in Süd- und Nordamerika zu beachtenswerten Bestsellern. Mit "El Kilo", dem dritten Album, haben Roldán, Ruzzo und Yotuel, die Protagonisten des in Paris lebenden Trios, das Kunststück vollbracht, ihr stilistisches Spektrum einmal mehr zu erweitern, ohne ihren charakteristischen Sound einzubüßen, der nicht nur die Vorstellung von kubanischen Boleros radikal erneuert hat.

Eine Bereicherung für die Orishas war die Zusammenarbeit mit dem Produzenten Andrés Levin (Yerbabuena, Los Amigos Invisibles), dem zweiten Mann neben ihrem französischen Stammproduzenten Niko Noki. Der in New York lebende Venezolaner gilt derzeit als der innovativste Top-Latin-Produzent schlechthin. Yotuel zeigt sich begeistert: "Bei ‚El Kilo' spürt man die spirituelle und musikalische Unterstützung von André Levin, der unseren Rap, den Gesang, die Melodien und die Texte bis ans Äußerste führte. Er hat dafür gesorgt, dass wir uns noch stärker selbst entdeckten und darin summieren sich nun auch sechs Jahre Arbeit." So trägt "Al Que Le Guste", ein Song der sich clever auf einen Klassiker von Rubén Blades bezieht, die erfrischende Handschrift von Levin. Durchzogen von zukunftsweisenden Breaks präsentiert dieser Song das Trio auf seinem künstlerischen Zenit.

Doch nicht nur stilistisch haben sich die Orishas enorm entwickelt, auch ihre verbale Schlagfertigkeit hat an Schärfe zugelegt. So ist der Titelsong "El Kilo" (El Kilo war eine scherzhafte Bezeichnung für den kubanischen Cent vor der Revolution) eine in cleveren Metaphern gepackte, harsche Kritik an dem kubanischen System. Und "Reina De La Calle", eine wohl temperierte Rapballade, greift das wohl größte gesellschaftliche Problem der Karibikinsel auf: die Jugendprostitution. "El Bombo", ein herrlich elektrifizierter Mambo, bezieht sich auf ein weiteres kubanisches Phänomen, denn El Bombo nennt es der Kubaner, wenn er einer der glücklichen 20.000 ist, die bei der jährlichen Green-Card-Lotterie das große Los ziehen und offiziell in die USA ausreisen dürfen. Dass das Schicksal von Emigranten häufig unter keinem günstigen Stern steht, davon handelt "La Calle", das mit jener Andengitarre aufwartet, die Manu Chao weltweit populär gemacht hat.

Natürlich gibt es auch wieder eine dieser Bandhymnen, wie sie seit "A Lo Cubano" zum musikalischen Aushängeschild der Orishas geworden sind: Der Opener "Naci Orisha" ist wieder einer dieser unverwechselbaren Songs. Locker und leicht streift dann das Trio durch R&B-Gefilde ("Distinto"), zeigt sich vom französischen HipHop inspiriert ("Stress"), macht selbst vor Ragga-Anleihen nicht Halt ("Elegante") und ist speziell bei den zum Tanzen animierenden Songs wie dem Salsa "Que Se Bote" und dem Conga "Quien Te Dijo" bestens aufgelegt, jeden Club in ein Tollhaus zu verwandeln. "El Kilo" ist ein rundum internationales Projekt, nicht nur weil es in 25 Ländern veröffentlicht wird. Aufgenommen in Paris, Madrid und Lüttich, von Tom Lathin (Erykah Badu, De La Soul) in Brüssel abgemischt und von Tom Coiné (Eminem) in New York gemastered, haben die Orishas dafür Sorge getragen, dass ihre musikalischen Ambitionen perfekt zur Geltung kommen. Dabei lassen die Orishas auch andere Musiker von ihrer kreativen Energie. Roldán arbeitete zuletzt mit dem französischen HipHop-Sänger Rohff und Yotuel hat als Produzent gerade einen jungen spanischen Künstler unter seine Fittiche genommen. Vamos a lo cubano!

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