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Einstürzende Neubauten Biographie

Einstürzende Neubauten

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"Bei seinem Eintreffen in jeder neuen Stadt findet der Reisende etwas von seiner Vergangenheit, das zu besitzen er nicht mehr gewußt hat: Die Fremdheit dessen, was du nicht mehr bist oder nicht mehr besitzt, erwartet dich auf der Schwelle fremder Orte." Italo Calvino
Sie haben sich Zeit gelassen. Nach "Silence Is Sexy", der Anthologie "Strategies Against Architecture III", der Filmmusik zu "Berlin Babylon" und dem Konzertmitschnitt "Brussels 9-15-2000" liegt nun endlich das lang erwartete neue Studio-Album der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN vor: "Perpetuum Mobile". Zeit bringt Veränderung - und die NEUBAUTEN reflektieren seit ihrer Gründung wie keine andere Band diese großen und kleinen, die öffentlichen und privaten Wechselfälle. Sie haben es vorbildlich geschafft, sich mit jedem weiteren Album wieder neu zu erfinden - und sich gerade in dieser Veränderung treu zu bleiben. "Perpetuum Mobile" erweitert das Spektrum der Musik um neue Facetten: etwa in der Radikalität, wie sich hier abschiedsdurchwehte Melancholie darstellt. Oder die langen, fast epischen Erzählungen, die sich rigoros jene Zeit nehmen, die sie für die perfekte Dramaturgie brauchen. Daneben finden sich subtile Klangbilder, deren Intensität aus der Reduktion erwächst oder Lieder von fragiler Schönheit ("Paradiesseits") und tiefempfundener Trauer ("Dead Friends (around the corner"). Aber auch die Suche nach dem unerwarteten, neuen Klang setzen die NEUBAUTEN unvermittelt fort - mit neuen Installationen (wie im Stück "Boreas") oder überraschenden Instrumentierungen aus Bläsern, Röhren, Pedal-Steel Gitarre, Clavichord, Lockpfeifen und Luftkompressoren. Doch das Spiel mit dem "fremden" Klang ist kein Selbstzweck, keine reine Materialerkundung, sondern ein Mittel, verführerisch befremdliche Klanglandschaften zu zeichnen, in denen Text, Rhythmus und Klang sich zu einem geschlossenes Ganzen zusammenfinden. So wie auch bei all diesen vielen, überraschenden Aspekten das gesamte Album - bis zu seinem Schlusspunkt "Grundstück" - eine sinnfällige Logik entwickelt.

Am Anfang steht der Abschied: "Ich gehe jetzt". Die Binsenweisheit, dass jeder Abbruchbewegung auch das Moment des Aufbruchs birgt, illustrieren die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN auf dem neuen Album "Perpetuum Mobile" so klar, logisch und überzeugend wie nie zuvor in ihrer langen Band-Geschichte. Die Neubauten sind in Bewegung, waren es musikalisch immer. Doch jetzt präzisiert die Band dieses Momentum in einem konzeptionell schlüssigen Album: es beschreibt, von zahlreichen Verweisen und Rückbezügen aderhaft durchzogen, die Wege und Umwege, die das Leben für das Denken bereithält. Die kleinen und großen Fluchtbewegungen, manchmal ironisch, manchmal von riskanter Direktheit. NEUBAUTEN in Bewegung: das kann man örtlich nehmen. Der Raum hat sich geweitet: Berlin ist nur mehr ein Punkt auf der Landkarte; er ist aus dem Erfahrungszentrum gerückt, die festen geographischen Beziehungen haben sich in einer Art Lebensnomadentum aufgelöst. Die EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN leben nicht mehr hier, jedenfalls nicht mehr mit der alten Ausschließlichkeit. Nachdem Lebenszustände nun mal die unvermeidliche Neigung haben, sich in alle möglichen Formen der Kunstproduktion einzuschleichen, reflektiert "Perpetuum Mobile" ein Leben unterwegs. Leben erscheint als eine einzige Transitbewegung, die uns vorführt, dass Grenzen nur noch einen Sinn haben: sie sind da, um überschritten zu werden.

Das letzte Album der EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN "Silence Is Sexy" (2000) wurde über einen langen Zeitraum hinweg in verschiedenen Studios aufgenommen. Für "Perpetuum Mobile" entschied sich die Band, die seit "Ende Neu" in der festen Besetzung mit Blixa Bargeld, Alexander Hacke, N. U. Unruh, Jochen Arbeit und Rudi Moser arbeitet, für eine neuartige und ungewöhnliche Produktionsweise. Das NEUBAUTEN-Studio im Norden Berlins wurde mit webcams ausgestattet, die es ermöglichten, den gesamten Entstehungsprozeß im Internet auf der homepage www.neubauten.org zu übertragen. Zugang zu diesem Projekt erhielt jeder Interessierte durch Zahlung eines einmaligen Betrags, der dazu diente, der Band finanzielle Unabhängigkeit für die Produktion zu verschaffen. Zu jeweils vorher angekündigten festgelegten Zeiten, hatten die so Unterstützenden (= Supporter) die Gelegenheit, den Arbeitsprozess live zu beobachten und gleichzeitig online im Chat zu kommentieren. Um auf diese Kommentare reagieren zu können, war jeder im Studio Anwesende inklusive des Toningenieurs und des Webmasters mit einem Laptop ausgestattet. Alle übertragenen Sessions - später dann auch die rough-mix-Versionen - wurden ausserdem archiviert, so dass sie jederzeit online abrufbar waren und auch später im Chat oder im Forum diskutiert werden konnten. Es gab einige Stücke, sagt Blixa Bargeld, die die Band nach ein paar Anläufen abgebrochen hätte ("Ein seltener Vogel"). Die Arbeit an ihnen wurde aber fortgesetzt, weil die Supporter darauf bestanden haben. So waren die Supporter durch ihre Einflussnahme auf die Musik, die Texte und die Produktion in doppelter Hinsicht unterstützend.

Es war "recht substantiell, was sie uns an Feedback anboten und an Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Wir hatten von vornherein angekündigt, dass wir die Einmischung wollen. Aber ich wusste nicht, in welcher Form. Ich habe die Unterstützer wie einen größeren Freundeskreis behandelt, wie Leuten, denen man auch einen rough-mix vorspielt. Sie konnten auf der Seite immer wieder rough-mixe abrufen und mit uns an den Texten basteln. In einem Stück beispielsweise wurde ich mit der Nase auf zwei inhaltliche Fehler gestoßen. Also habe ich den Satz geändert. Ich habe in der nächsten Version diesen Satz dann neu gesungen." (Blixa Bargeld)
Zum Abschluss des Arbeitsprozesses erhielten die Supporter das "Supporter Album # 1", das im wesentlichen anderes Material enthält, als die jetzt auf "Perpetuum Mobile" veröffentlichten Songs - ausschließlich entstanden - aus den live übertragenen Sessions.

Da die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN ihre neuen Stücke immer im Studio entwickeln, kristallisiert sich ein Thema, eine Richtung, ein Problemkreis immer erst im Lauf der Arbeit heraus. So auch auf "Perpetuum Mobile". Noch stärker als auf den Alben zuvor sind jetzt die Texte miteinander verknüpft - Themen werden angedeutet, später weitergesponnen, schließlich explizit benannt. "Perpetuum Mobile" erzählt von Veränderungen: Flux, Bewegung, Transit. Jeder Schaffensprozeß gleicht einer "period of transition", der sich durch die Landschaft der Texte zieht. Wir finden eine Reihe von Katastrophen und sich überstürzende Naturgewalten - Tornados, Tsunamis, Flutwellen; ein Pandämonium der Katastrophen, die die Fluchtbewegungen begleiten. Eigene Katastrophen und fremde, erlebte und inszenierte, erlittene und literarisch überformte. Dieses kleine "Katastrophen-ABC" der EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN markiert eine nüchterne Aufzählung von Wendepunkten, so wie jede Katastrophe zu einem Punkt wird, an dem die Entwicklung eine neue Wendung nimmt. Das Apokalyptische, so viel wird auf "Perpetuum Mobile" klar, hat viele Töne - eben auch heitere.

Es lassen sich für dieses Album viele Wegstrecken finden, an denen entlang man sich den offenen und verborgenen Themen nähern kann. Eine Konstante ist unüberhörbar: "Es gibt kein einziges Stück, in dem nicht vom Wind, vom Sturm die Rede ist. Wenn nicht konkret von ihm die Rede ist, dann kann man ihn hören." (Blixa Bargeld) Er taucht nicht nur in den Texten auf ("Ein leichtes leises Säuseln"; "Boreas" - in der griechischen Mythologie der Gott des Nordwindes), er durchweht die Stücke im Klang dreier Luftkompressoren: "Also ein bißchen weniger Metall, ein bißchen mehr Luft... " (Blixa Bargeld). Die Kompressoren verwandeln diverse Rohre in eine veritable Bläsersection, erzeugen Sub-Baß-Töne, inszenieren die große Flut in "Ozean und Brandung". In seiner populären metaphorischen Gestalt markiert der Wind die Veränderung, das Flüchtige, Ungreifbare und Unwägbare. Er ist bewegte Stubstanzlosigkeit, der allerdings die Kraft zur Bewegung des anderen innewohnt - durch Erosion, durch das Lied.
"Die Chasaren besaßen Baumeister, die riesige Brocken von Salzwänden bemeißelten und auf den Wegen der Winde aufstellten. Auf jedem der Wege der vierzig chasarischen Winde (die zur einen Hälfte salzig, zur anderen süß waren) wurde eine Gruppierung von salzigen Marmorblöcken aufgebaut, und dann, wenn alljährlich die Winde wiederauflebten, versammelte sich an solchen Orten die Menschenmenge, um zu lauschen, welcher der Baumeister das schönste Lied zusammengefügt hätte. Die Winde spielten nämlich in Berührung mit den Felsblöcken, während sie durch sie hindurchschlüpften oder ihnen die Gipfel kämmten, stets ein neues Lied, bis die Marmorblöcke, vom Regen ausgewaschen, gepeitscht von den Blicken der Vorübergehenden und beleckt von den Zungen der Schafe und Büffel, zusammen mit ihren Baumeistern für immer verschwanden." (Milorad Pavic, "Das Chasarische Wörterbuch")

Als es darum ging, den Text für "Ich gehe jetzt" zu schreiben, sammelte Blixa Bargeld zunächst eine Anzahl einsilbiger Worte, die er als Grundlage für den Song nahm. Aus der Kombination zunächst disparater Begriffe entstehen nach und nach neue Sinnzusammenhänge, die am Ende schließlich das Thema formen und seine vielen Aspekte einkreisen.

Das Titelstück präzisiert die Stationen des Unterwegsseins: stellvertretend für den Touralltag des Musikers ("in einem Bus mit hundert Sachen"), aber auch für den Alltag zweier entfernt voneinander lebender Menschen: "Von A nach B der Liebe wegen." Was zunächst eher surreal anmutet (die Aufzählung all jener unsichtbaren Dinge, die den Reisenden begleiten) formiert sich schließlich zu einer klaren Aussage über die Idee einer quasi "geo-psychischen" Veränderung; eine Idee, die sich auch in den anderen Songs Schicht für Schicht freilegen lässt.

"Perpetuum Mobile" ist das Ergebnis einer Ausnahmesituation. Nicht nur, dass sich die Produktionsweise von herkömmlichen Plattenaufnahmen radikal unterscheidet. Die Stücke dieses Albums entstanden in einer Situation, da die Band noch mit einem Bein in Berlin stand, das anderen aber noch an nirgendwo fest angekommen ist. Das spiegelt sich im Themenvorrat der Texte, die zwischen Abschied und Ankunft in der Schwebe bleiben.

Man darf bei aller Ernsthaftigkeit, die den Hintergrund von Blixa Bargelds Texte bildet, nie die (Selbst-)Ironiefähigkeit der Band unterschätzen. Ein seit Jahren wiederkehrendes Moment in den Texten ist die ironische Bewegung zwischen Mikro und Makro: ausgehend von einem Detail richtet sich der Blick ins Weite, Offene. "Bereits auf 'Die Interimsliebenden' wurde das Spiel mit den kosmischen Metaphern zum Spiel erklärt. Hier habe ich das jetzt mehr oder weniger systematisch gemacht." (Blixa Bargeld) So beschreibt etwa der Song "Der Weg ins Freie" in zwei parallel laufenden Texten, die sich wiederum bei bestimmten Sätzen oder Worten treffen, zwei Expeditionen: dabei wird die split-screen-Technik des Films auf die Musik übertragen. Die Stimme im linken Kanal beschreibt den Weg nach dem Erwachen zum Fenster. Die Stimme im rechten erzählt von einem Erwachen, bei dem man auf die Erde wie auf einen fernen Planeten blickt. Es sind diese abrupten, unerwarteten Perspektivwechsel, aus denen die Neubauten textlich und musikalisch jene Art von höchst artifizieller Ironie erzeugen, die Friedrich Schlegel einmal beschrieb als das "Gefühl von dem unauflöslichen Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitheilung".

Die EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN okkupieren immer noch diesen Raum zwischen "Ende" und "Neu", beziehen nach wie vor ihre kreative Energie aus dem beständigen und widerspruchsvollen Neuerfinden ihrer eigenen Position, aus dem Oszillieren zwischen den Extremen. Unendlich viel ist seit ihrer Gründung im Jahr 1980 gesagt worden über das delirante Moment des hereinbrechenden Geräuschs, die Selbstentäußerung, über das Prinzip der Maschine, über den Klang des Materials, über ihre nachhaltige Weigerung, Bestandteil eines irgend gearteten Mainstreams zu sein. Sie gleichen einem erratischen Block in der Kulturlandschaft: Symbol für die Weigerung, Zugeständnisse an die Trends zu machen. Man vertraut ihnen, weil sie sich gerade in der anhaltenden Veränderung treu bleiben. Eine aktualisierte Streckenkarte der Veränderung liegt nun mit "Perpetuum Mobile" vor, die nicht nur sämtliche bekannten Aspekte der Band neu reflektiert, sondern auch erstaunlich neue vorstellt.

Dass es ausgerechnet ein Berliner Autor von "Astralnoveletten" war, der Anfang des 20. Jahrhunderts das (aber)witzigste Buch über das Perpetuum Mobile geschrieben hat, sei hier nur als Fußnote angemerkt: Paul Scheerbart. Auch einer, der beharrlich daran arbeitete, das Unmögliche Wirklichkeit werden zu lassen.
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