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Gentleman Biographie

Gentleman

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Ja, es gibt einen neuen Reggae-Botschafter nicer Riddims und aufrechter Lyrics. Doch er heißt weder Shabba noch Capleton. Big Up für Mr. Gentleman den Kölner mit Herzensheimat Jamaika. Infiziert wurde er, als ein Freund mit Soundsystemtapes aus dem Jamaika-Urlaub auftauchte. Jener Freund besorgte sich ersteinmal riesige Baßboxen und flog in der Folgezeit zwar aus mehreren Mietverhältnissen, gründete jedoch das Seven Star-Soundsystem.

"Ich war damals 15 und kam von HipHop-Acts wie Ice Cube und NWA. Meinem älteren Bruder habe ich höchstens mal eine Peter Tosh oder Bob Marley Platte geklaut", erinnert sich der heute 25jährige Mr. Gentleman aka Tilmann Otto. "Doch damals habe ich begriffen, daß HipHop zwar ein großartiges Redepodest darstellt, Reggae aber breiter gefächert ist. Was Sounds und Styles betrifft, gibt es im Reggae mehr Vielfalt. Hier habe ich meine musikalischen Roots gefunden".

Mit 17 ließ sich Gentleman die Adresse einer jamaikanischen Bauernfamilie in einem Dörfchen namens Point geben und flog sechs Wochen in die Karibik. "Die erste Woche war der totale Horror", lächelt Gentleman selbstironisch. "Ich hing da in diesem sechs Häuser kleinen Bergdorf und verstand kein Wort, obwohl Englisch immer eins meiner guten Fächer war. Und dann warteten auch noch jeden Tag mindestens sechs Typen vor der Tür, die den Whity aus Germany kennenlernen wollten. Es hat bestimmt zwei bis drei Wochen gedauert, bis ich mich halbwegs verständigen konnte. Fast jedes Wort mußte ich mir auf Patois erklären lassen. Doch schon nach einer Woche waren wir auf einer Dance. Das war der Hammer. Denn das ist mehr als eine Tanzveranstaltung. Die Musik hat einen viel höheren Stellenwert. Sie ist ein allgegenwärtiges Mittel gegen den Distress auf der Welt. Und ich hab diese heilsame Einfachheit der Menschen gecheckt.

Die habe ich mit meiner materiellen Konditionierung zuerst gar nicht begriffen. Wie gut es sein kann, ohne Fernseher, Fastfood und Talkshows zu leben. Wenn du dort einen Tee willst, mußt du erst den Hang runter und durch die Büsche zur Pumpe. Wenn du dann auf dem halben Weg nach oben dein Wasser verschüttest und erst wieder runter mußt bevor du deinen Tee aufbrühen kannst, erlebst du selbst die kleinste Sache viel bedeutungsvoller." Dermaßen angetörnt kehrte Gentleman nach Köln zurück, schmiß die Schule und jobbte fortan in Bars, um sich den nächsten Jamaika-Aufenthalt zu verdienen. Dort hatte er inzwischen Freunde in Montego Bay und Flanka gefunden. Das Leben in Jamaikas Metropolen ist natürlich sehr fashionable und wesentlich mehr an westlichen Standards orientiert als die rootsige Countryside.

Doch auch hieraus zog Gentleman seinen Nutzen. Dafür, daß er seinen beiden Taxi-fahrenden Freunden Tony und Devon die weiße Kundschaft am Flughafen besorgte, nahmen sie ihn mit auf Ghetto Sounds, wo man als Weißer ohne respektable Credits nicht auftauchen sollte."Hier habe ich meine ersten Feuerproben bestanden" erklärt Gentleman. "Es gibt keinen Glamour. Alles ist dunkel, du hörst nur diese geilen Riddims aus den gewaltigen Boxen und die Leute gehen steil. Für die Dee Jays und Toaster ist Open-Mike-Competition angesagt. Du springst einfach auf einen Riddim und mußt gegen die anderen bestehen. Für mich war das ein wichtiger Lernprozeß, um meinen eigenen Style zu finden. Und der ist weder Dee Jay noch Sänger. Ich selbst würde mich als Sing-Jay bezeichnen, weil ich nicht in einer Tonlage chatte, sondern Melodien reinbringe."

Auch in Deutschland konzentrierte sich Gentleman immer mehr auf die Message seiner Worte. Immer weiter verbreitete sich der Geheimtip von dem smarten Danchall-Vocalisten im deutschen Soundsystem Underground. Einen ersten Höhepunkt hierzulande stellte sicherlich Gentlemans Mitwirkung in dem 'Arte Reggae-Spezial' zu der renomierten "Lost In Music"-Fernsehreihe dar. Besonders beeindruckend geriet seine Live-Performance während des riesigen "Kwanzah"-Festivals in Kingston Jamaika. "Kwanzah" ist ein afrikanisches Wort für Verstehen und Teilen. Die Bühne jedenfalls teilte sich der Newcommer vor tausenden tobender Fans mit Ragga-Stars wie Beenie Man oder Ninja.

"Eigentlich verdanke ich meinen Auftritt einem großen Zufall", schüttelt Gentleman noch heute den Kopf. "Ich hatte ganz normaler Strandsachen an und war eigentlich schon froh, backstage sein zu können. Da lief mir der Organisator G.T. Taylor über den Weg. Ich hab dem dann einfach so was vorgesungen und plötzlich sagt der zu mir 'wir haben gerade eine Pause, jetzt gehst du auf die Bühne'. Da gabs natürlich kein zurück mehr. Und so habe ich zum damals angesagten Cordyroy Riddim das erste Mal mit Band vor so einer riesigen Kulisse gechattet. Die Leute haben so toll reagiert. Das hat mich in dem Glauben bestärkt, es schaffen zu können." Zurück in Deutschland avancierte Gentleman zu einer festen Größe des angesagten Hamburger Silly Walks Soundsystem. Als MC heizte er die Dancemaniacs der Republik an. Besonders häufig performte die Crew im Süden.

Auf einem Dance in Stuttgart fanden sich denn auch die HipHopper des Freundeskreis ein. "Die fanden das ziemlich nice und kannten ein Soundsystem dieser Art vorher auch nicht", erinnert sich Gentleman. "Auf beiden Seiten war von Anfang an viel Sympathie füreinander vorhanden, so daß wir von da an in Kontakt blieben. Und als wir irgendwann mal wieder in Stuttgart spielten, sprach mich Max an. Am nächsten Tag wollten sie im Studio einen Track einspielen und er lud mich ein, mitzumachen." Besagter Track war kein geringerer als"Tabula Rasa", für den Mr. Gentleman die Chorus-Lyrics schrieb. So ziemlich jeder wird sich wohl gefragt haben, wer dieser Gentleman mit dem geilen Reggae-Touch ist. Spätestens ab da war Mr. Gentleman in aller Munde und sorgte bei den Kollaborationen mit der R&B- Sängerin Brooke sowie auf der Freundeskreissingle "Halt Dich an Deiner Liebe fest" erneut für die smoothen 'Singjay'-Töne. Doch all das war nur das Vorspiel zu Gentlemans Debütalbum, welches die Vorschußlorbeeren durch seine druckvollen Riddims, ausgezeichneten Vocals und vielfältigen Arrangements locker einspielt.

"Das Album ist gedrittelt", erklärt Mr. Gentleman. "Einerseits habe ich mit der Kölner Digital Diamond-Crew und deren Produzenten Roger&Shorty vier Dancehall Riddims produziert, u.a. eine Kombination mit Jack Radics. So kannst du die Leute auf die Reggae-Reise schicken. Desweiteren haben wir vier Tracks in Stuttgart mit Tommy Wittinger, dem 'Tabula Rasa'-Produzenten und Philipp Kaiser vom Freundeskreis produziert. Ich glaube, daß die Leute einfach den HipHop als Brücke brauchen, um zum Dancehall zu kommen. Bounty Killer mit den Fugees aber auch 'Tabula Rasa' bestätigen das.Und schließlich waren wir für zwei Monate in Kingston, um ein paar echte Yard-Songs ohne Kompromisse aufzunehmen." Und das ist ihnen trotz mancher Schwierigkeiten gelungen. Denn als Mr. Gentleman, sein Sangeskollege Mighty Tolga und Manager Stephan Schulmeister ankamen, besaßen sie nicht vielmehr als ein paar Telefonnummern.

"Das war ziemlich chaotisch, bis wir dann einen Termin mit der Reggaelegende Richie Stephens in seinem Mainstreet-Studio bekamen", erzählt Gentleman. "Der war schon auf Deutschlandtour und kannte von daher noch Tolga. Richie fand unsere Sachen cool und hat uns einfach ein paar neue Riddims vorgespielt. Da haben wir gleich zugegriffen und in Windeseile auf dem Hotelzimmer unsere Lyrics geschrieben. Als wir dann im legendären Mixing Lab Studio mit Redrose produzierten, war Sly Dunbar auch da. Sly & Robbie, die Riddim Twins, legten den Riddimtrack (bass + drums) zu der Kombination mit Jamaicas upcoming Star Terry Linen. Eine Ehre, der sich Gentleman und seine Crew als durchaus würdig erweisen. Denn was er zu den sommerlich groovenden Midtempo-Beats und dem smoothen Saxophon von Altstar Dean Fraser auf 'Jah Jah Never Fail' an eindringlicher Vocalkunst hören läßt, hat in dieser Liga seinen wohlverdienten Platz.

Die erste Single 'In The Heat Of The Night' (von Jamaicas Top-Producer + Vocalist Richie Stephens produziert) dagegen featured zu knappen, forward movenden Digital-Riddims einen wunderbaren Conversation Style zwischen Gentlemans rauhen Lyrics und Richie Stephens&Mighty Tolgas soulvollem Gesang. Auf 'Right Side Of Life' schließlich beweist Mr. Gentleman eindringlich die Klasse und Consciousness seines 'Sing-Jay' Styles, wenn er zu eher düsteren Streichern und pumpenden Beats seiner Spiritualität und Weltanschaung Ausdruck verleiht. "Mir ist sehr daran gelegen, keine Gun- oder Slackness-Lyrics zu verwenden", betont Gentleman, der selbst auf Lady-Tunes wie 'Human Being' einen smarten aber respektvollen Ton anschlägt. "Ich will einfach mehr Positivität vermitteln. Statt uns ständig zu beurteilen, müssen wir uns gegenseitig zu mehr Lebendigkeit anfeuern." Von dieser Lebenfreude und Aufrichtigkeit hat Mr. Gentleman eine volle Salve abgefeuert. Glücklich der, der die Stimme des Botschafters vernimmt.
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