Lambchop Biographie
Lambchop
Das Wort 'Weiterentwicklung' ist derart inflationär im Einsatz, dass seine Bedeutung längst verschwommen ist. Es gibt Bands, die reden von Weiterentwicklung, weil sie Geld für ein Keyboard ausgegeben haben. Okay, da hat sich was entwickelt, aber hat sich was geändert, wurde was bewegt? Ist das innovativ? Die Bedeutung des Wortes 'Innovation' ist auch ein bisschen verschwommen. Alles will innovativ sein - und meistens bleibt's beim Wollen. Wir sind uns also der Verantwortung zur Klarheit in der Sprache bewusst und verwenden mit Umsicht und gutem Wissen und Gewissen die beiden Wörter 'Weiterentwicklung' und 'Innovation' im Zusammenhang mit den beiden neuen Alben von LAMBCHOP. Genau, es sind gleich zwei neue Platten, und wie bei allen Alben der Band zuvor, kommt mit dem ersten Hören die Schocksekunde: Huch, was ist denn hier passiert?!?
Weiterentwicklung, liebe Herrschaften! LAMBCHOP sind einen langen Weg gegangen von ihrer Gründung vor zehn oder fünfzehn Jahren (genau weiß das noch nicht mal der Chef Kurt Wagner) in Nashville, Tennessee, bis zur Musik auf AW CMON und NO YOU CMON. Sie haben stetig an ihrer eigenen musikalischen Vision gearbeitet - ein ständiger Prozess, der für konstante Bewegung sorgt in den Strukturen und Stimmungen ihrer Lieder. Was früher Lo-Fi-Alt.Country war, wurde größer, weiter, offener, dann wieder filigraner, leiser, introvertierter und jetzt komplexer und nah dran am - Achtung! - Pop. Dieses fremdartige, wunderschöne Biest von einer Band fordert sich ständig selbst heraus (ob gewollt oder ungewollt), ist unberechenbar und einer permanenten Metamorphose unterworfen. Wer einmal eine der Anschlussstellen zwischen den einzelnen Stufen besagter Entwicklung verpasst hat, dem kann dieses kreative Hakenschlagen beinahe als mutwillig erscheinen. Man vergleiche nur den frühen LAMBCHOP-Klassiker Soaky In The Pooper (von I Hope You're Sitting Down / Jack's Tulips) mit The Man Who Loved Beer (von How I Quit Smoking) und Your Fucking Sunny Day (von Thriller). Und dann höre man noch Up With People (von Nixon) und The New Cobweb Summer (von Is A Woman)... Schön, wäre die Sache mit der 'Weiterentwicklung' also geklärt.
Und da sind wir: Auf der nächsten Stufe der LAMBCHOPschen Metamorphose. Viel hat sich verändert seit 2001 und Is A Woman. Die Band war in einem derartigen Schaffensrausch, dass sie gleich zwei Alben aufnahm, die nun gemeinsam erscheinen. Wie immer war der neue Entwurf ihrer Musik nur möglich nach den Entwürfen davor. Am ehesten ist das Ergebnis mit Nixon, dem erfolgreichsten LAMBCHOP-Album, zu vergleichen. Schon das Artwork weist darauf hin. Doch auch der Flair von Is A Woman ist spürbar. Zwar haben die neuen Lieder zuweilen eine gewisse Süße, doch immer da ist das Dunkle, Exzentrische und Morbide. Der Kanon dieser mirakulösen Musikgruppe ist erweitert durch zwei neue Werke. Und wie bei allen Alben zuvor, braucht es ein wenig Zeit, um sie in all ihrer Schönheit zu erschließen. Und wie bei allen Alben zuvor, ist diese Zeit gut investiert.
LAMBCHOP's grandioser Anführer Kurt Wagner nannte die beiden Neuen AW CMON und NO YOU CMON (bitte aussprechen!) und versteht sie als seperate Alben. Als solche mögen sie bitte auch wahrgenommen werden, nicht als Doppelalbum. Gleichwohl entstanden beide im gleichen kreativen Prozess und werden durch ihre zeitgleiche Veröffentlichung auf ewig unzertrennlich sein. "Der Ursprung zu diesem Projekt liegt in der Idee, in einer gewissen Zeitperiode jeden Tag einen Song zu schreiben, eine Periode von aufeinander folgenden Wochen und Monaten und Unterbrechungen", erklärt Kurt. "Diese Periode dauerte vom Sommer 2002 bis zum Winter 2003. Die Idee war, einfach nur dazusitzen und jeden Tag einen kompletten Song zu schreiben. Das klang einfacher, als es letztendlich war, aber diese Arbeitsweise ermöglichte mir, bestimmte kreative Entscheidungen schneller zu treffen, und so die Dinge frisch, und vor allem kurz zu halten. Es war einer der schönsten kreativen Perioden meines Lebens. Zum ersten Mal konnte ich mir meine Zeit frei einteilen, um etwas derartiges auszuprobieren.
An manchen Tagen geschahen die Dinge sehr schnell, an anderen entwickelten sie sich unglaublich langsam. Ich stellte fest, dass die besten Resultate schnell entstanden, und nur selten konnte ich später zu einer Idee zurückkehren und sie erfolgreich weiterentwickeln. Im April 2003 stand ich dann da mit einem Arsch voll Material, von dem sich nur ein kleiner Teil auf diesen Alben wieder findet."
"Während dieser Ein-Song-pro-Tag-Periode", fährt Kurt fort, "wurden Lambchop von den Organisatoren des San Francisco International Film Festival gebeten, während des Festivals 2003 eine Filmmusik live zum Film aufzuführen. Es handelte sich dabei um F.W. Murnaus Stummfilm Sunrise von 1927. Das schien mir eine gute Möglichkeit, einen Teil des Materials zu nutzen, an dem ich gerade arbeitete. Und so begann ich Stücke aus dieser Ein-Song-pro-Tag-Periode auszuwählen und in den Soundtrack zu integrieren. Viele der Stücke auf AW CMON und NO YOU CMON stammen also von Sunrise. Doch es wurde schnell klar, dass nicht alle Stücke zum Film als alleinige Songs würden bestehen können. Aus diesem Grund habe ich auch Songs, die nicht Teil des Films waren, auf diesen Alben untergebracht. Und es gab noch einen anderen Grund: Ich spürte, dass nicht alle Lieder aus der Ein-Song-pro-Tag-Periode zum Film passten, wohl aber auf die beiden Platten."
Stilistisch gibt es keine großen Unterschiede zwischen den Alben, doch das Call-and-Response-Konzept der Titel reflektiert das Auswahlverfahren der Lieder für die jeweilige Platte. AW CMON ist vielleicht ein wenig dunkler, während NO YOU CMON verspielter und flotter wirkt. Auf beiden Alben hören wir bemerkenswerte Streicher-Arrangements von Lloyd Barry, die zuweilen an Robert Kirbys üppige Kompositionen für Nick Drakes Meisterwerk Bryter Layter erinnern. Und die Philly-Sounds dürften LAMBCHOP-Kennern bekannt vorkommen. Ihre reiche mitunter Disney-esque Süße steht im Kontrast zum behutsam-filigranen Spiel der Band. Und dann sind da noch Kurt Wagners komplexe Wortspiele und diese melodischen Haken und Ösen, die er überall legt - mal mit einem leichten Anheben der Stimme, mal mit einem sanften Stottern, oft mit Verstummen. Die circa zwölfköpfige Band spielt derweil ihr schier endlos erfinderisches Spiel.
Wenn das 2000er Nixon ein in weichen Farben fotografierter Technicolor-Film war, sind AW CMON und NO YOU CMON scharf geschossen, ganz klar und hell. Wenn Is A Woman sparsam und introvertiert war, sind AW CMON und NO YOU CMON opulent und exrovertiert. Jeder Schritt, den LAMBCHOP gehen, scheint eine Reaktion auf den vorherigen zu sein. Aber das als Regel gelten zu lassen, würde einen kreativen Prozess vereinfachen, der selbst für Kurt Wagner ein Mysterium bleibt.
"Ich betrachte den Soundtrack zum Film Sunrise als zusätzliche Verbindung zwischen den beiden Platten", erzählt er. "Ich hoffe, dass man eines Tages die Filmmusik hören kann, während der Film läuft. Wenn man das noch zusätzlich zu den Alben ermöglichen könnte, würde man sehen, was für Wege die Stücke gegangen sind seit der Idee, jeden Tag einen Song aufzunehmen."
Es ist typisch für LAMBCHOP, zwei Alben zu veröffentlichen, ohne dazu große Erklärungen abzugeben. Immerhin ist das die Band, deren Debüt zwei Titel hatte. Und manchmal sind Erklärungen eben überflüssig. Man kann ja auch einfach mal die Tatsache als solche feiern, als immer nur den Ursachen hinterher zu schnüffeln. LAMBCHOP sind also wieder da mit Schönklang, Witz, Herzschmerz, Spielfreude und vielen tollen Überraschungen. Und AW CMON und NO YOU CMON machen einmal mehr deutlich, wofür diese einzigartige Band so geliebt wird. Und: Wer einmal LAMBCHOP liebt, der bleibt dabei, der lässt sich nicht abschütteln mit wilden Weiterentwicklungen.
LAMBCHOP waren übrigens die erste Band, die im Londoner Somerset House spielte, wo seitdem jeden Sommer ein Festival stattfindet. Ebenfalls bemerkenstwert ist Kurt Wagners Kollaboration mit Morcheeba auf deren letzten Album Charango. Man weiß nie, was als nächstes kommt. Man weiß nur, dass es anders wird, als das davor. Und man weiß, dass es anders wird, als alles was es sonst so gibt, dass LAMBCHOP ein ums andere Mal neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten finden. Und das, liebe Herrschaften, nennt man Innovation.
Weiterentwicklung, liebe Herrschaften! LAMBCHOP sind einen langen Weg gegangen von ihrer Gründung vor zehn oder fünfzehn Jahren (genau weiß das noch nicht mal der Chef Kurt Wagner) in Nashville, Tennessee, bis zur Musik auf AW CMON und NO YOU CMON. Sie haben stetig an ihrer eigenen musikalischen Vision gearbeitet - ein ständiger Prozess, der für konstante Bewegung sorgt in den Strukturen und Stimmungen ihrer Lieder. Was früher Lo-Fi-Alt.Country war, wurde größer, weiter, offener, dann wieder filigraner, leiser, introvertierter und jetzt komplexer und nah dran am - Achtung! - Pop. Dieses fremdartige, wunderschöne Biest von einer Band fordert sich ständig selbst heraus (ob gewollt oder ungewollt), ist unberechenbar und einer permanenten Metamorphose unterworfen. Wer einmal eine der Anschlussstellen zwischen den einzelnen Stufen besagter Entwicklung verpasst hat, dem kann dieses kreative Hakenschlagen beinahe als mutwillig erscheinen. Man vergleiche nur den frühen LAMBCHOP-Klassiker Soaky In The Pooper (von I Hope You're Sitting Down / Jack's Tulips) mit The Man Who Loved Beer (von How I Quit Smoking) und Your Fucking Sunny Day (von Thriller). Und dann höre man noch Up With People (von Nixon) und The New Cobweb Summer (von Is A Woman)... Schön, wäre die Sache mit der 'Weiterentwicklung' also geklärt.
Und da sind wir: Auf der nächsten Stufe der LAMBCHOPschen Metamorphose. Viel hat sich verändert seit 2001 und Is A Woman. Die Band war in einem derartigen Schaffensrausch, dass sie gleich zwei Alben aufnahm, die nun gemeinsam erscheinen. Wie immer war der neue Entwurf ihrer Musik nur möglich nach den Entwürfen davor. Am ehesten ist das Ergebnis mit Nixon, dem erfolgreichsten LAMBCHOP-Album, zu vergleichen. Schon das Artwork weist darauf hin. Doch auch der Flair von Is A Woman ist spürbar. Zwar haben die neuen Lieder zuweilen eine gewisse Süße, doch immer da ist das Dunkle, Exzentrische und Morbide. Der Kanon dieser mirakulösen Musikgruppe ist erweitert durch zwei neue Werke. Und wie bei allen Alben zuvor, braucht es ein wenig Zeit, um sie in all ihrer Schönheit zu erschließen. Und wie bei allen Alben zuvor, ist diese Zeit gut investiert.
LAMBCHOP's grandioser Anführer Kurt Wagner nannte die beiden Neuen AW CMON und NO YOU CMON (bitte aussprechen!) und versteht sie als seperate Alben. Als solche mögen sie bitte auch wahrgenommen werden, nicht als Doppelalbum. Gleichwohl entstanden beide im gleichen kreativen Prozess und werden durch ihre zeitgleiche Veröffentlichung auf ewig unzertrennlich sein. "Der Ursprung zu diesem Projekt liegt in der Idee, in einer gewissen Zeitperiode jeden Tag einen Song zu schreiben, eine Periode von aufeinander folgenden Wochen und Monaten und Unterbrechungen", erklärt Kurt. "Diese Periode dauerte vom Sommer 2002 bis zum Winter 2003. Die Idee war, einfach nur dazusitzen und jeden Tag einen kompletten Song zu schreiben. Das klang einfacher, als es letztendlich war, aber diese Arbeitsweise ermöglichte mir, bestimmte kreative Entscheidungen schneller zu treffen, und so die Dinge frisch, und vor allem kurz zu halten. Es war einer der schönsten kreativen Perioden meines Lebens. Zum ersten Mal konnte ich mir meine Zeit frei einteilen, um etwas derartiges auszuprobieren.
An manchen Tagen geschahen die Dinge sehr schnell, an anderen entwickelten sie sich unglaublich langsam. Ich stellte fest, dass die besten Resultate schnell entstanden, und nur selten konnte ich später zu einer Idee zurückkehren und sie erfolgreich weiterentwickeln. Im April 2003 stand ich dann da mit einem Arsch voll Material, von dem sich nur ein kleiner Teil auf diesen Alben wieder findet."
"Während dieser Ein-Song-pro-Tag-Periode", fährt Kurt fort, "wurden Lambchop von den Organisatoren des San Francisco International Film Festival gebeten, während des Festivals 2003 eine Filmmusik live zum Film aufzuführen. Es handelte sich dabei um F.W. Murnaus Stummfilm Sunrise von 1927. Das schien mir eine gute Möglichkeit, einen Teil des Materials zu nutzen, an dem ich gerade arbeitete. Und so begann ich Stücke aus dieser Ein-Song-pro-Tag-Periode auszuwählen und in den Soundtrack zu integrieren. Viele der Stücke auf AW CMON und NO YOU CMON stammen also von Sunrise. Doch es wurde schnell klar, dass nicht alle Stücke zum Film als alleinige Songs würden bestehen können. Aus diesem Grund habe ich auch Songs, die nicht Teil des Films waren, auf diesen Alben untergebracht. Und es gab noch einen anderen Grund: Ich spürte, dass nicht alle Lieder aus der Ein-Song-pro-Tag-Periode zum Film passten, wohl aber auf die beiden Platten."
Stilistisch gibt es keine großen Unterschiede zwischen den Alben, doch das Call-and-Response-Konzept der Titel reflektiert das Auswahlverfahren der Lieder für die jeweilige Platte. AW CMON ist vielleicht ein wenig dunkler, während NO YOU CMON verspielter und flotter wirkt. Auf beiden Alben hören wir bemerkenswerte Streicher-Arrangements von Lloyd Barry, die zuweilen an Robert Kirbys üppige Kompositionen für Nick Drakes Meisterwerk Bryter Layter erinnern. Und die Philly-Sounds dürften LAMBCHOP-Kennern bekannt vorkommen. Ihre reiche mitunter Disney-esque Süße steht im Kontrast zum behutsam-filigranen Spiel der Band. Und dann sind da noch Kurt Wagners komplexe Wortspiele und diese melodischen Haken und Ösen, die er überall legt - mal mit einem leichten Anheben der Stimme, mal mit einem sanften Stottern, oft mit Verstummen. Die circa zwölfköpfige Band spielt derweil ihr schier endlos erfinderisches Spiel.
Wenn das 2000er Nixon ein in weichen Farben fotografierter Technicolor-Film war, sind AW CMON und NO YOU CMON scharf geschossen, ganz klar und hell. Wenn Is A Woman sparsam und introvertiert war, sind AW CMON und NO YOU CMON opulent und exrovertiert. Jeder Schritt, den LAMBCHOP gehen, scheint eine Reaktion auf den vorherigen zu sein. Aber das als Regel gelten zu lassen, würde einen kreativen Prozess vereinfachen, der selbst für Kurt Wagner ein Mysterium bleibt.
"Ich betrachte den Soundtrack zum Film Sunrise als zusätzliche Verbindung zwischen den beiden Platten", erzählt er. "Ich hoffe, dass man eines Tages die Filmmusik hören kann, während der Film läuft. Wenn man das noch zusätzlich zu den Alben ermöglichen könnte, würde man sehen, was für Wege die Stücke gegangen sind seit der Idee, jeden Tag einen Song aufzunehmen."
Es ist typisch für LAMBCHOP, zwei Alben zu veröffentlichen, ohne dazu große Erklärungen abzugeben. Immerhin ist das die Band, deren Debüt zwei Titel hatte. Und manchmal sind Erklärungen eben überflüssig. Man kann ja auch einfach mal die Tatsache als solche feiern, als immer nur den Ursachen hinterher zu schnüffeln. LAMBCHOP sind also wieder da mit Schönklang, Witz, Herzschmerz, Spielfreude und vielen tollen Überraschungen. Und AW CMON und NO YOU CMON machen einmal mehr deutlich, wofür diese einzigartige Band so geliebt wird. Und: Wer einmal LAMBCHOP liebt, der bleibt dabei, der lässt sich nicht abschütteln mit wilden Weiterentwicklungen.
LAMBCHOP waren übrigens die erste Band, die im Londoner Somerset House spielte, wo seitdem jeden Sommer ein Festival stattfindet. Ebenfalls bemerkenstwert ist Kurt Wagners Kollaboration mit Morcheeba auf deren letzten Album Charango. Man weiß nie, was als nächstes kommt. Man weiß nur, dass es anders wird, als das davor. Und man weiß, dass es anders wird, als alles was es sonst so gibt, dass LAMBCHOP ein ums andere Mal neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten finden. Und das, liebe Herrschaften, nennt man Innovation.
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