Matthias Reim Biographie
Matthias Reim
Wenn es keine Typen gäbe wie ihn, stände es wirklich schlecht um den deutschen Schlager. Wahrscheinlich wäre dieses Genre schon im Sumpf von Friede, Freude, Eierkuchen versunken. Bei Reim - der Vorname ist von nun an geschenkt - ticken die Uhren mehr als nur ein wenig anders. Der Sänger mit der eindringlich-markigen Stimme, der mit dem Millionenhit "Verdammt, ich lieb dich" sprichwörtlich über Nacht zum Superstar wurde, hat in den letzten Jahren so ziemlich jedes "worst case scenario" erlebt, was sich der Normalsterbliche vorstellen kann. Pleiten, Pech und Pannen im großen Stil. Aber die Auguren haben die Rechnung ohne Reim gemacht. Er ist zurückgekommen und hat mit den Bestsellern "Wolkenreiter" (2000) und "Morgenrot" (2002), letztgenannter zudem für einen Echo nominiert, künstlerisch die passenden Antworten gleich parat gehabt. Und auch jetzt gilt: Vier Buchstaben für ein Hallelujah. "Reim". Ein Dutzend Songs, die so und nur so kein anderer interpretieren kann. Der Reim-Song als Archetyp. Keine lyrische Klugscheißerei, sondern stets direkt und gnadenlos ehrlich. Belanglosigkeiten scheut Reim wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirklichkeit ist wahnsinnig genug.
Einer der wohl ungewöhnlichsten Songs nicht nur des neuen Albums, sondern in der nun fast schon 20 Jahre währenden Karriere dieses Vollblutmusikers ist "Halt durch". Reim ist es hier gelungen, eine ähnlich bedrohliche Atmosphäre aufzubauen wie seinerzeit Falco mit seiner skandalträchtigen Ballade "Jeanny". Bei Reim geht es um die konkrete Bedrohung durch einen Stalker, der hier anonym bleibt, während Reim in die Rolle eines Freundes schlüpft, der am Telefon versucht, die Frau am anderen Ende zu beruhigen und ihr zu Hilfe zu eilen. Die Ohnmacht des Opfers ist in diesem Song fast physisch spürbar. Aber auch bei den anderen Songs erweist sich dieser mit allen Wassern gewaschene Lebenskünstler ein ums andere Mal als Meister lebensnaher Minimal-Dramen. Reim lotet in den meisten Songs seines neuen Albums die Machtverhältnisse in Beziehungen aus. Die Kräfteverhältnisse zwischen den Geschlechtern bleiben unberechenbar. Die Schonungslosigkeit, mit der er hier zu Werke geht, ist immer wieder beeindruckend.
In "Herzensmasochist" tobt sich Reim in einer Männerrolle aus, die ihm auf den Leib geschneidert ist: ein Mann, der abhängig ist von seinen Gefühlen, der Liebe durchleidet und auf Gedeih und Verderb jeden Rückschlag in Kauf nimmt. Weitaus persönlicher ist indes "Träumer", ein erfrischendes Selbstporträt, das mit dem Image des ewigen Verlierers kokettiert, aber dessen ungebrochener Optimismus siegt, dass mit dem nächsten großen Hit alles anders werden wird. "Ich liebe dich", die erste Single des Albums, könnte gut und gerne dieser nächste große Hit sein. Hier mimt Reim einen Macho, der waidwund und reumütig erst seine Liebe gesteht, nachdem ihn die Frau verlassen hat. Jeder Song, ganz gleich, ob hier nur Geschirr bricht wie im "Rosenkrieg" oder das Herz wie in "Du liebst mich nicht", das Album "Reim" bietet Identifikationsflächen und die gewohnte musikalische Klasse, die der Künstler mit seinem eingespielten Team im eigenen Studio auf Ibiza erzielt hat.
Ob "Rosenkrieg" oder "Friedhof der Gefühle", die Liebe ist auf Reims neuem Album immer im Ausnahmezustand. "Es gibt nichts schlimmeres als belanglose Liebeslieder", so Reim, "deswegen bin ich einer der größten Kritiker des deutschen Schlagers. Ich sehe sie, ich lerne sie kennen, sie ist die Größte - so ist das Leben nicht. Was sich so auf emotionalen Ebenen abspielt, kann man nicht mit Vernunft beschreiben. Ich finde es spannend, zu versuchen, das in Worte und Musik umzusetzen. Ich glaube, den Leuten macht es Spaß, weil das die Wahrheit ist. Jeder hat mit zwanzig schon diverse Hochs und Niederlagen erlebt und weiß, dass man dieses Spiel, die Emotionen, nicht berechnen kann. Jahresgehalt, Rente, Raten fürs Auto, das kann man alles berechnen. Aber was sie glücklich macht, das ist und bleibt ein unberechenbarer Faktor, wo viele spannende Nuancen eine Rolle spielen. Darüber zu philosophieren, zu schreiben, ist für mich immer ein Thema. Ich kann mich in diese Situationen hineindenken, weil ich ein sehr stolzer Mann bin."
Eines der berührendsten Lieder ist die grandiose Ballade "Ein Atemzug", die Reim einem viel zu früh und plötzlich verstorbenen Freund gewidmet hat. Der Tod ist im deutschen Schlager alles andere als ein gewöhnliches Sujet. Aber Reim ist und bleibt auch einer der außergewöhnlichsten Protagonisten dieses Genres, eines seiner belebenden Elemente. Wenn "1000 Wilde Pferde" mit diesem Sänger durchgehen, wenn er proklamiert "Du bist gefeuert" und dazu einen unwiderstehlichen Rock-Shuffle anstimmt, dann sind seine Fans ganz aus dem Häuschen. "Idiot", sein begnadetes Duett mit Michelle, das seit Monaten die Schlager-Charts dominiert, ist ebenfalls auf dem neuen Album zu finden. Dieses beherzt-provokante Liebesbekenntnis ist neben allen anderen Songs ein deutliches Indiz, dass Reim ein Garant für beste, weil ungeschminkte Unterhaltung ist. Wo auch immer Reim auftritt, reagieren Schlagerfans nahezu hysterisch. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Verdammt noch mal, wir brauchen dich.
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Reim ist der Lieblingsmacho der deutschen Schlagerfans - egal, ob männlich oder weiblich. Sie lieben seine Lieder. Sie lieben vielleicht auch sein Leben. Drei Ehen. Vier Kinder. Und vom heruntergewirtschafteten Luftikus hat sich Reim wie Phönix aus der Asche emporgeschwungen zum stolzen Adler, der seine neu gewonnene Freiheit genießt. Unverwundbar? "Kein Mensch ist unverwundbar. Ich spiele aber gern mit solchen Macho-Ideen, weil ich mich gerne dahinter verstecke - als Mann, als Lebender und als Liebender." Tatsächlich ist der enorm beliebte Künstler, dessen zweiter Karrierefrühling sich längst zu einem prachtvollen Sommer ausgewachsen hat, einer der empfindsamsten deutschen Sänger. Kein anderer geht das Ach und Wehe der Liebe und des Lebens mit einer ähnlichen Direktheit an wie er. Reim ist niemand, der sich hinter komplizierten Metaphern versteckt, Reim ist ein Mann, der alles beim Wort nimmt. Das macht auch den emotionalen Schulterschluss mit dem Publikum zum Kinderspiel. Wie gut die Beziehung zum Publikum funktioniert, auf welche überwältigende Resonanz Reim bei seinen Fans trifft, demonstriert die im Herbst erscheinende DVD "Matthias Reim - Live in Chemnitz".
Mit "Unverwundbar", seinem vierten regulären Studioalbum für Electrola, erreicht Reim unterdessen eine Klasse, die den Kreis seiner Fans schlagartig vergrößern wird. Für das Geheimnis seines zunehmenden Erfolgs und die Stärke des Albums hat Reim eine einfache Erklärung: "Im Moment passt alles wunderbar zusammen. Ich bin angekommen. Ich habe meinen Weg, meine Musik, meine Sprache gefunden. Ich bin auch privat angekommen." Ein glücklicher Mensch also, der ruhigen Gewissens sagen kann: "Ich bin heute absolut ausgeglichen." Aus diesem Gefühl des inneren Wohlbefindens und mit der Unterstützung eines brillanten Teams von Autoren, Musikern und Produzenten ist Reim das stärkste Album seines Lebens gelungen: Und so bekennt der vor Vitalität strotzende Sänger, bei dem man nicht weiß, ob nun seine Stimme oder seine Texte markanter sind: "Ich erachte 'Unverwundbar' als meine Doktorarbeit." Da lohnt der gezielte Blick auf die einzelnen Kapitel.
Das zwölf neue Songs umfassende Album startet fulminant: Der Titelsong "Ich bin nicht verliebt (Unverwundbar)", dem bereits ein guter Start in den deutschen Singlecharts gelungen ist, wartet mit einer faustdicken Überraschung auf, denn die Mundharmonika, die dem Song ein herrlich herbes Aroma verleiht, ist ein geschickter Rückgriff auf die eigene Jugend, in der Matthias Reim in kleinen Schuppen mit Gitarre und Harmonika die ersten Gehversuche als Bühnenkünstler machte. Jetzt spielt er noch einmal das Lied vom Leben. Und wie. Mit dieser Johnny Cash zur Ehre gereichenden Melodie hat Reim einen Klassiker in spe aus der Taufe gehoben, den man noch in Jahren auf deutschen Highways hören wird. Was für ein Prolog. Den Mythos der Unverwundbarkeit mag schon Siegfried als Unmöglichkeit bewiesen haben, in den Kanon deutscher Evergreens aufgenommen hat Reim diese Tugend nun mit seinem knarzig rockenden Road-Song über die Verführbarkeit des Mannes. Kein Wunder, dass Reim mittlerweile genau so viel Post von Männern bekommt wie von Frauen.
Mangel an weiteren künstlerischen Höhepunkten herrscht auf "Unverwundbar" wahrlich nicht. Dabei sind es diesmal vor allem Balladen, die dem Album besondere Intensität und Reife verleihen und die vor allem empfindsame Seelen tief berühren dürften. Etwa durch das wunderbare Gefühl der Nostalgie, das geweckt wird, wenn Reim den DDR-Klassiker "Als ich fortging" als vom Orchester umspielte Abschiedshymne auf die große Liebe wiederauflegt. Als Bonus hat Reim den Evergreen aus dem Jahr 1987 auch noch im Duett mit Dirk Michaelis aufgenommen, dem Originalsänger von Karussell. Nicht minder eindringlich ist die Pianoballade "Liebst du mich noch?", andächtig wie ein stilles Gebet von einem Menschen, den erste Zweifel an der Wahrhaftigkeit einer Liebesbeziehung beschleichen. Unvergleichbar dramatischer noch "Jenny", ein feinfühliges Psychogramm einer verletzten Seele, thematisiert es doch ein höchst heikles Thema, das leider Gottes viel zu oft Schlagzeilen macht: das Drama eines spurlos verschwundenen Kindes. Ein mutiges Lied, das die tief sitzenden Ängste von Eltern eindringlich spürbar macht und das auch Ausdruck jener Zivilcourage ist, mit der Reim sieht, fühlt und handelt.
Da ist es schon erleichternd, dass Reim auch genügend Humor besitzt, um mit selbstironischem Blick auch die eigene Geschichte zu betrachten. Seinen finanziellen Absturz und die Rettung durch die Liebe hat er diesmal in "Egal, was soll's" als zündende Feuerzeughymne inszeniert. Und dass er starke Sprüche längst zur Kunstform erklärt hat, dafür sind "Es tut mir überhaupt nicht weh" und "Das machst du nur, um mich zu ärgern" archetypische Beispiele. Bei diesen bereits live erprobten Publikumsfavoriten schnellt das Stimmungsbarometer in Richtung jener Hysterie, die auch ein Meilenstein wie "Verdammt ich lieb dich" bei jedem seiner Konzerte nach wie vor auslöst. Ganz groß auch "Wie man liebt", ein stürmisches Plädoyer für die Lehre der Liebe. Ein weiterer Klassiker aus dem Stand, und zwar einer, der jede Pisa-Studie zum beschämenden Dokument macht. Und während durch "L'amour s'en va" ein Hauch von Rai weht und "Krieger" eine scharfe Abrechnung mit einer alten Liebe ist, vollendet Reim sein Album mit einem triumphalen Schlussakkord, der genau dort beginnt, wo das Album seinen Anfang genommen hat: am Tresen. Doch es sind nicht Tresenweisheiten, die Reim verbreitet, sondern Thesenlieder über Liebe, Tod und Teufel. Mitten aus dem Leben gegriffen. Denn das Leben ist der beste Lehrer. Und wie war das mit der Doktorarbeit? Wir sagen mal: summa cum laude. Unverwundbar eben.
Einer der wohl ungewöhnlichsten Songs nicht nur des neuen Albums, sondern in der nun fast schon 20 Jahre währenden Karriere dieses Vollblutmusikers ist "Halt durch". Reim ist es hier gelungen, eine ähnlich bedrohliche Atmosphäre aufzubauen wie seinerzeit Falco mit seiner skandalträchtigen Ballade "Jeanny". Bei Reim geht es um die konkrete Bedrohung durch einen Stalker, der hier anonym bleibt, während Reim in die Rolle eines Freundes schlüpft, der am Telefon versucht, die Frau am anderen Ende zu beruhigen und ihr zu Hilfe zu eilen. Die Ohnmacht des Opfers ist in diesem Song fast physisch spürbar. Aber auch bei den anderen Songs erweist sich dieser mit allen Wassern gewaschene Lebenskünstler ein ums andere Mal als Meister lebensnaher Minimal-Dramen. Reim lotet in den meisten Songs seines neuen Albums die Machtverhältnisse in Beziehungen aus. Die Kräfteverhältnisse zwischen den Geschlechtern bleiben unberechenbar. Die Schonungslosigkeit, mit der er hier zu Werke geht, ist immer wieder beeindruckend.
In "Herzensmasochist" tobt sich Reim in einer Männerrolle aus, die ihm auf den Leib geschneidert ist: ein Mann, der abhängig ist von seinen Gefühlen, der Liebe durchleidet und auf Gedeih und Verderb jeden Rückschlag in Kauf nimmt. Weitaus persönlicher ist indes "Träumer", ein erfrischendes Selbstporträt, das mit dem Image des ewigen Verlierers kokettiert, aber dessen ungebrochener Optimismus siegt, dass mit dem nächsten großen Hit alles anders werden wird. "Ich liebe dich", die erste Single des Albums, könnte gut und gerne dieser nächste große Hit sein. Hier mimt Reim einen Macho, der waidwund und reumütig erst seine Liebe gesteht, nachdem ihn die Frau verlassen hat. Jeder Song, ganz gleich, ob hier nur Geschirr bricht wie im "Rosenkrieg" oder das Herz wie in "Du liebst mich nicht", das Album "Reim" bietet Identifikationsflächen und die gewohnte musikalische Klasse, die der Künstler mit seinem eingespielten Team im eigenen Studio auf Ibiza erzielt hat.
Ob "Rosenkrieg" oder "Friedhof der Gefühle", die Liebe ist auf Reims neuem Album immer im Ausnahmezustand. "Es gibt nichts schlimmeres als belanglose Liebeslieder", so Reim, "deswegen bin ich einer der größten Kritiker des deutschen Schlagers. Ich sehe sie, ich lerne sie kennen, sie ist die Größte - so ist das Leben nicht. Was sich so auf emotionalen Ebenen abspielt, kann man nicht mit Vernunft beschreiben. Ich finde es spannend, zu versuchen, das in Worte und Musik umzusetzen. Ich glaube, den Leuten macht es Spaß, weil das die Wahrheit ist. Jeder hat mit zwanzig schon diverse Hochs und Niederlagen erlebt und weiß, dass man dieses Spiel, die Emotionen, nicht berechnen kann. Jahresgehalt, Rente, Raten fürs Auto, das kann man alles berechnen. Aber was sie glücklich macht, das ist und bleibt ein unberechenbarer Faktor, wo viele spannende Nuancen eine Rolle spielen. Darüber zu philosophieren, zu schreiben, ist für mich immer ein Thema. Ich kann mich in diese Situationen hineindenken, weil ich ein sehr stolzer Mann bin."
Eines der berührendsten Lieder ist die grandiose Ballade "Ein Atemzug", die Reim einem viel zu früh und plötzlich verstorbenen Freund gewidmet hat. Der Tod ist im deutschen Schlager alles andere als ein gewöhnliches Sujet. Aber Reim ist und bleibt auch einer der außergewöhnlichsten Protagonisten dieses Genres, eines seiner belebenden Elemente. Wenn "1000 Wilde Pferde" mit diesem Sänger durchgehen, wenn er proklamiert "Du bist gefeuert" und dazu einen unwiderstehlichen Rock-Shuffle anstimmt, dann sind seine Fans ganz aus dem Häuschen. "Idiot", sein begnadetes Duett mit Michelle, das seit Monaten die Schlager-Charts dominiert, ist ebenfalls auf dem neuen Album zu finden. Dieses beherzt-provokante Liebesbekenntnis ist neben allen anderen Songs ein deutliches Indiz, dass Reim ein Garant für beste, weil ungeschminkte Unterhaltung ist. Wo auch immer Reim auftritt, reagieren Schlagerfans nahezu hysterisch. Ihre Botschaft ist unmissverständlich: Verdammt noch mal, wir brauchen dich.
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Reim ist der Lieblingsmacho der deutschen Schlagerfans - egal, ob männlich oder weiblich. Sie lieben seine Lieder. Sie lieben vielleicht auch sein Leben. Drei Ehen. Vier Kinder. Und vom heruntergewirtschafteten Luftikus hat sich Reim wie Phönix aus der Asche emporgeschwungen zum stolzen Adler, der seine neu gewonnene Freiheit genießt. Unverwundbar? "Kein Mensch ist unverwundbar. Ich spiele aber gern mit solchen Macho-Ideen, weil ich mich gerne dahinter verstecke - als Mann, als Lebender und als Liebender." Tatsächlich ist der enorm beliebte Künstler, dessen zweiter Karrierefrühling sich längst zu einem prachtvollen Sommer ausgewachsen hat, einer der empfindsamsten deutschen Sänger. Kein anderer geht das Ach und Wehe der Liebe und des Lebens mit einer ähnlichen Direktheit an wie er. Reim ist niemand, der sich hinter komplizierten Metaphern versteckt, Reim ist ein Mann, der alles beim Wort nimmt. Das macht auch den emotionalen Schulterschluss mit dem Publikum zum Kinderspiel. Wie gut die Beziehung zum Publikum funktioniert, auf welche überwältigende Resonanz Reim bei seinen Fans trifft, demonstriert die im Herbst erscheinende DVD "Matthias Reim - Live in Chemnitz".
Mit "Unverwundbar", seinem vierten regulären Studioalbum für Electrola, erreicht Reim unterdessen eine Klasse, die den Kreis seiner Fans schlagartig vergrößern wird. Für das Geheimnis seines zunehmenden Erfolgs und die Stärke des Albums hat Reim eine einfache Erklärung: "Im Moment passt alles wunderbar zusammen. Ich bin angekommen. Ich habe meinen Weg, meine Musik, meine Sprache gefunden. Ich bin auch privat angekommen." Ein glücklicher Mensch also, der ruhigen Gewissens sagen kann: "Ich bin heute absolut ausgeglichen." Aus diesem Gefühl des inneren Wohlbefindens und mit der Unterstützung eines brillanten Teams von Autoren, Musikern und Produzenten ist Reim das stärkste Album seines Lebens gelungen: Und so bekennt der vor Vitalität strotzende Sänger, bei dem man nicht weiß, ob nun seine Stimme oder seine Texte markanter sind: "Ich erachte 'Unverwundbar' als meine Doktorarbeit." Da lohnt der gezielte Blick auf die einzelnen Kapitel.
Das zwölf neue Songs umfassende Album startet fulminant: Der Titelsong "Ich bin nicht verliebt (Unverwundbar)", dem bereits ein guter Start in den deutschen Singlecharts gelungen ist, wartet mit einer faustdicken Überraschung auf, denn die Mundharmonika, die dem Song ein herrlich herbes Aroma verleiht, ist ein geschickter Rückgriff auf die eigene Jugend, in der Matthias Reim in kleinen Schuppen mit Gitarre und Harmonika die ersten Gehversuche als Bühnenkünstler machte. Jetzt spielt er noch einmal das Lied vom Leben. Und wie. Mit dieser Johnny Cash zur Ehre gereichenden Melodie hat Reim einen Klassiker in spe aus der Taufe gehoben, den man noch in Jahren auf deutschen Highways hören wird. Was für ein Prolog. Den Mythos der Unverwundbarkeit mag schon Siegfried als Unmöglichkeit bewiesen haben, in den Kanon deutscher Evergreens aufgenommen hat Reim diese Tugend nun mit seinem knarzig rockenden Road-Song über die Verführbarkeit des Mannes. Kein Wunder, dass Reim mittlerweile genau so viel Post von Männern bekommt wie von Frauen.
Mangel an weiteren künstlerischen Höhepunkten herrscht auf "Unverwundbar" wahrlich nicht. Dabei sind es diesmal vor allem Balladen, die dem Album besondere Intensität und Reife verleihen und die vor allem empfindsame Seelen tief berühren dürften. Etwa durch das wunderbare Gefühl der Nostalgie, das geweckt wird, wenn Reim den DDR-Klassiker "Als ich fortging" als vom Orchester umspielte Abschiedshymne auf die große Liebe wiederauflegt. Als Bonus hat Reim den Evergreen aus dem Jahr 1987 auch noch im Duett mit Dirk Michaelis aufgenommen, dem Originalsänger von Karussell. Nicht minder eindringlich ist die Pianoballade "Liebst du mich noch?", andächtig wie ein stilles Gebet von einem Menschen, den erste Zweifel an der Wahrhaftigkeit einer Liebesbeziehung beschleichen. Unvergleichbar dramatischer noch "Jenny", ein feinfühliges Psychogramm einer verletzten Seele, thematisiert es doch ein höchst heikles Thema, das leider Gottes viel zu oft Schlagzeilen macht: das Drama eines spurlos verschwundenen Kindes. Ein mutiges Lied, das die tief sitzenden Ängste von Eltern eindringlich spürbar macht und das auch Ausdruck jener Zivilcourage ist, mit der Reim sieht, fühlt und handelt.
Da ist es schon erleichternd, dass Reim auch genügend Humor besitzt, um mit selbstironischem Blick auch die eigene Geschichte zu betrachten. Seinen finanziellen Absturz und die Rettung durch die Liebe hat er diesmal in "Egal, was soll's" als zündende Feuerzeughymne inszeniert. Und dass er starke Sprüche längst zur Kunstform erklärt hat, dafür sind "Es tut mir überhaupt nicht weh" und "Das machst du nur, um mich zu ärgern" archetypische Beispiele. Bei diesen bereits live erprobten Publikumsfavoriten schnellt das Stimmungsbarometer in Richtung jener Hysterie, die auch ein Meilenstein wie "Verdammt ich lieb dich" bei jedem seiner Konzerte nach wie vor auslöst. Ganz groß auch "Wie man liebt", ein stürmisches Plädoyer für die Lehre der Liebe. Ein weiterer Klassiker aus dem Stand, und zwar einer, der jede Pisa-Studie zum beschämenden Dokument macht. Und während durch "L'amour s'en va" ein Hauch von Rai weht und "Krieger" eine scharfe Abrechnung mit einer alten Liebe ist, vollendet Reim sein Album mit einem triumphalen Schlussakkord, der genau dort beginnt, wo das Album seinen Anfang genommen hat: am Tresen. Doch es sind nicht Tresenweisheiten, die Reim verbreitet, sondern Thesenlieder über Liebe, Tod und Teufel. Mitten aus dem Leben gegriffen. Denn das Leben ist der beste Lehrer. Und wie war das mit der Doktorarbeit? Wir sagen mal: summa cum laude. Unverwundbar eben.
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