Michel Van Dyke Biographie
Michel Van Dyke
„Ich suche nicht, ich finde“ beschrieb Pablo Picasso einmal sein Kunstgeheimnis. Das sagt sich so leicht dahin. Und ist doch so schwer. Michel van Dyke, im Hauptberuf Songschreiber und Melodienfabrikant, brauchte sechs Alben und 15 Jahre um endlich das zu finden, wonach sich die meisten Pop-Künstler ein Leben lang umsonst sehnen: das ganz persönliche Musikbiotop, unverwechselbar und einzigartig, die kleine, persönliche Nische im großen Ökosystem der Stile und Moden.
BOSSA NOVA heißt Michels neues Album, und das ist ein bisschen so, als nenne man seine Platte „Rock“, „Vocal-Trance“ oder „Stimmungsmusik“ – die perfekte Einladung zum großen Missverständnis.
Die meisten jüngeren Zeitgenossen denken bei „Bossa Nova“ nicht an die wundervollen brasilianischen Songs von Jobim, Gilberto & Co, sondern eher an Fahrstuhlmusik. Konsultieren wir also Dietels „Wörterbuch Musik“. Bossa Nova: „In den 50er Jahren aus der Samba unter Einflüssen des Cool Jazz entstandener brasil. Gesellschaftstanz im mäßig schnellen 4/4-Takt.“ Und schon haben wir ein paar Worte, die wir noch brauchen werden, um van Dykes Vision der zeitgemäßen Gefühlsmusik zu verstehen: 50er (und 60er) Jahre, Cool, Jazz, mäßig schnell, vielleicht wird auch ein bisschen getanzt. Wange an Wange.
Alles Entscheidende entstand in den 60er Jahren
Fragen wir doch einfach den Künstler. Michel selbst findet schon lange, dass die 60er Jahre musikalisch das wichtigste Jahrzehnt waren, doch erst jetzt sagt er das auch ganz offen: „Ich bin 1961 geboren, also waren die 60er Jahre mein erstes Lebensjahrzehnt. Aber noch mehr interessiert mich diese Zeit aus künstlerischen Gründen: Ich bin davon überzeugt, dass alles Entscheidende in Popmusik, Design, Film und Jugendkultur in den 60ern entwickelt wurde.“ Wenn sich einer sowas zu sagen traut und trotzdem ein derart clever-modernes Album hinbekommt, lohnt es sich, näher hinzuhören. Bei der Musik wie bei ihrem Schöpfer.
Michel – das wissen die Wenigsten – hatte sich lange Jahre neben der Musik auch immer wieder der Malerei gewidmet, bis er erkannte, als Musiker mehr Talent zu haben. Doch der Stellenwert, den Optik und Visualisierbarkeit bis heute in seinem Schaffen haben, rührt daher. Deshalb ist es auch zu gleichen Teilen der „Bossa Nova“, den er vor seinem inneren Auge hört und sieht: „Bossa Nova“ gehörte in den 60ern zum Lebensstil – Cocktail Parties in schicken Lounges mit coolem Jazz. Dieses Image ist es, was mich an Bossa Nova interessiert. Ich mag diese Klischeebilder aus der Zeit bis etwa 1967. Musikalisch bin ich weniger ein Freund der seichten Unterhaltungsmusik dieser Periode, ich liebe aber die brasilianischen Musikelemente, diesen leicht melancholischen Latin-Sound und vor allen die großartigen orchestralen Arrangements.“
Klangfarbenmalerei auf Song-Miniaturen
„Bossa Nova“ ist hier also nicht Genrebezeichnung, sondern Lebensgefühl, Ausdruck geistiger Eleganz, und in erster Linie die Benutzeroberfläche, auf der van Dyke seine Song-Miniaturen projeziert. Als visuell mitorientierter Künstler malte Michel für BOSSA NOVA elf feinsinnig beobachtete und hintersinnig erzählte kleine Geschichten mit den Klangfarben seines großen Sound-Archivs und seiner selbst eingespielten (Keyboards & Programmierung, Gitarren) zum Teil auch mit Hilfe von Gästen bedienten Instrumente (z.B. Percussionist Black Pete, Flügelhornist Peter Hinderthür und die Streicher vom Surrection Orchestra unter Leitung von Stefan Pintev). Und darunter finden sich – hier müssen wir ausnahmsweise mal einen Superlativ bemühen – etliche echte, zeitlose und lupenreine Liederdiamanten.
Mit einer Spielzeit von gut 40 Minuten bleibt Michel seiner Linie treu: Kurz, bündig, schlüssig, ohne Hänger: „Alle Platten, die ich früher geliebt habe, waren – bedingt natürlich auch durch das LP-Format – sowieso nicht länger als maximal 45 Minuten. Ich kenne kein einziges 70-Minuten-Album, bei dem ich bis zum Ende bei der Stange bleibe.“
Es geht um Liebe – was sonst?
Damit steigt bei Michel zwar der Musikminutenpreis. Dass dies nur die halbe Wahrheit ist, wissen nicht nur van Dykes vornehmlich weiblichen Fans: Nicht die Länge, nur die Liebe zählt. BOSSA NOVA ist eine monothematische Platte. „Es geht um Mann und Frau, um die Liebe. Worüber sonst?“ Doch van Dykes Beziehungsszenen sind nie eindeutig, seine Bilder von Liebe und Trennung, Sehnsucht und Überdruss, Versöhnung und Verletzung sind nie so scharf fotografiert, dass der Hörer nicht immer auch sich selbst darin wieder erkennen könnte. Das ist Michels Zaubertrick: Er stellt die Wahrheit da, so wie sie nun mal ist: unscharf, ungenau und stets doch nur im Auge des Betrachters entstehend.
Van Dykes Texte sind kurz, prägnant und finden immer den Punkt: „Für mich ist es nach wie vor das Erstrebenswerteste überhaupt, ein Songwriter zu sein, der mit wenigen Worten sehr viel sagen kann. Texte zu schreiben ist ein dauernder Prozess des Reduzierens eines Drehbuches auf den Kern einer Geschichte.“ Dabei geht für Michel im Zweifelsfall das Authentische vor dem Autobiographischen: „Ich möchte nicht, dass es zu persönlich wird. Ich will den Menschen etwas geben, womit sie sich identifizieren können. Und dann muss die Sprache auch noch gut im Song klingen. Beides ist mir viel wichtiger als irgendein autobiographischer Anspruch. Die Texte müssen natürlich authentisch sein, ich muss das genau so fühlen können wie ich es singe, aber ich muss das alles nicht zwangsläufig selbst erlebt haben – ich stelle mir auch sehr oft vor, wie ich mich in bestimmten Situationen fühlen würde.“ Das macht man so als verheirateter Mann und Familienvater (Söhne 8 und 11). Gedanken sind frei – und man bleibt seinem Partner dennoch treu.
Kleine Geschichten, große Gefühle
Die Menschen, über die Michel auf BOSSA NOVA singt, sind moderne Geschlechter-Archetypen: Sie versuchen es, kommen aber trotzdem nicht zusammen. „Das liegt vielleicht daran, dass ich mich selbst zurzeit in meiner Haut so wohl fühle. Ich kann über Unglück am besten schreiben, wenn ich außen vor stehe. Natürlich kann man über Unglück auch schreiben, wenn man mittendrin steckt, aber es hört sich fast immer fürchterlich an. Selbstmitleidsprosa.“ Michels Kunst – auch in diesem Punkt unterscheidet er sich elementar von den meisten Kollegen – entsteht also nicht aus dem Leid, sondern aus dem Abstand: „Nur bei Sachen, die schon ein paar Jahre alt sind, hebt sich der verklärende Nebel und man bekommt den klaren, unsentimentalen Blick. Deshalb ist der Blick mit dem Abstand der Zeit oft sogar wahrer.“
Eine Wahrheit, die auch in Michels Musik nun nicht mehr nur ab und zu aufflackert, sondern ganz ruhig und warm in jedem Song leise leuchtet. Van Dyke fielen ja zum Beispiel schon immer Melodien ein, die nicht zwingend in ein normales Pop-Korsett hätten gebunden werden müssen. Wenn Michel seine alten Platten hört, denkt er: „Naja, überladen produziert, ein bisschen zu ambitioniert – aber der Junge hat ein Gefühl für Melodien.“ Dennoch brauchte er lange Jahre, um das nicht nur zu erkennen, sondern zu einer völlig neuen musikalischen Form zu bringen. Mit dem Vorgängeralbum DIE GROßE ILLUSION schaffte er die Abwendung von der klassischen Popmusik angloamerikanischer Prägung und sang erstmals in deutscher Sprache.
Anleitung zum Uncoolsein
Und plötzlich wurde ihm klar: „Ich glaube, dass ich nicht der einzige Musiker bin, der lange Zeit in großen Missverständnissen lebte. Für mich war es das größte Missverständnis, zu glauben, dass man cool sein muss.“ Das Problem in Deutschland ist, dass alles, was gemeinhin mit Popmusik zu tun hat, erst mal nicht ernst genommen wird. Auch Michel sah sich von Anfang an „als Popmusiker, der dennoch immer cool sein wollte.“ Und verwechselte lange Zeit Haltung mit Handwerk: „Das Album KOZMETIKA zum Beispiel hatte tolle Songs, war aber doch ziemlich überproduziert. Inzwischen weiß ich: Der Junge hatte einfach nur Angst, nicht erst genommen zu werden, weil seine Musik zu poppig klingen könnte. Jetzt versteckt sich die Musik nicht mehr hinter irgendwelchen coolen Gitarren oder coolen Jacken. Das bin ich. 100 Prozent. Mehr Seele kann ich nicht geben.“
Deshalb hat BOSSA NOVA auch trotz ein paar oberflächlichen Ähnlichkeiten bei Tempo und Sound-Landschaften mit Lounge oder Easy Listening heutiger Prägung überhaupt nichts zu tun. Das eine ist Gebrauchsmusik, bei Michel aber steht am Anfang immer die Geschichte, die Imagination, der Song. Van Dyke ist kein musikalischer Raumausstatter, der den leeren Platz zwischen zwei Lautsprecherboxen mit hübschen Klangfarben ausmalt: „Ich bin in aller erster Linie Songwriter.“ Noch dazu einer, von dessen Output – nebenbei bemerkt – auch Kollegen wie Echt profitierten, deren Hits „Wo bist du jetzt“ und „Du trägst keine Liebe in Dir“ er komponierte.
Bossa für die Jetzt-Zeit
„BOSSA NOVA ist viel mehr als Retro. Es klingt wie eine Platte von heute, bei der viele Klangquellen elegant ineinander fließen, aber gezielt auch Brüche und Schnitte zu hören sind. Ein bisschen wie Lego-Spielen: Es ist toll, wie realistisch das Gebastelte aussieht. Aber manchmal ist es auch wunderschön, die einzelnen Steine zu erkennen. Für Michel sind das aber nur nachrangige Fragen: „Das Wichtigste ist, dass die Elemente, die ich zusammenmixe in ihrem Verhältnis zueinander stimmen. Das eigene Gesicht dieser Platte ist mir eigentlich erst bewusst geworden, nachdem die meisten Songs fertig waren. Und dann konnte ich auch erst die drei oder vier Stücke aussortieren, die nicht in diese Stimmung passen.“ Deshalb gibt es keine lauten Stücke mehr: „Ich wollte ein Album machen, das man tatsächlich durchhören kann. Die Platten, die ich wirklich geliebt habe, haben immer eine ganz bestimmte Stimmung durchgehalten. DIE GROßE ILLUSION war eher ein normales Pop-Album – nach der Balladen kommt ein Uptempo-Stück, damit wir nicht einschlafen.“
Bei BOSSA NOVA wird trotz all der Ruhe, die die Songs ausstrahlen, erst recht keiner einschlafen. Dafür muss Michel nicht mehr auf die Pauke hauen. Seine klugen und gleichermaßen tief emotionalen Chansons entwickeln ganz von selbst diesen seltsamen Magnetismus, der den Daumen wie von Geisterhand gelenkt immer wieder zur „Repeat“-Taste gleiten lässt.
Michels Musik-Cocktail hinterlässt den Genießer wie ein guter Gin-Martini: gerührt, nicht geschüttelt. Und so wird aus vermeintlichem Easy Listening Michel van Dykes ureigene Genre-Nische, sein unanfechtbares Alleinstellungsmerkmal: Heavy Listening mit Hinhör-Zwang.
BOSSA NOVA heißt Michels neues Album, und das ist ein bisschen so, als nenne man seine Platte „Rock“, „Vocal-Trance“ oder „Stimmungsmusik“ – die perfekte Einladung zum großen Missverständnis.
Die meisten jüngeren Zeitgenossen denken bei „Bossa Nova“ nicht an die wundervollen brasilianischen Songs von Jobim, Gilberto & Co, sondern eher an Fahrstuhlmusik. Konsultieren wir also Dietels „Wörterbuch Musik“. Bossa Nova: „In den 50er Jahren aus der Samba unter Einflüssen des Cool Jazz entstandener brasil. Gesellschaftstanz im mäßig schnellen 4/4-Takt.“ Und schon haben wir ein paar Worte, die wir noch brauchen werden, um van Dykes Vision der zeitgemäßen Gefühlsmusik zu verstehen: 50er (und 60er) Jahre, Cool, Jazz, mäßig schnell, vielleicht wird auch ein bisschen getanzt. Wange an Wange.
Alles Entscheidende entstand in den 60er Jahren
Fragen wir doch einfach den Künstler. Michel selbst findet schon lange, dass die 60er Jahre musikalisch das wichtigste Jahrzehnt waren, doch erst jetzt sagt er das auch ganz offen: „Ich bin 1961 geboren, also waren die 60er Jahre mein erstes Lebensjahrzehnt. Aber noch mehr interessiert mich diese Zeit aus künstlerischen Gründen: Ich bin davon überzeugt, dass alles Entscheidende in Popmusik, Design, Film und Jugendkultur in den 60ern entwickelt wurde.“ Wenn sich einer sowas zu sagen traut und trotzdem ein derart clever-modernes Album hinbekommt, lohnt es sich, näher hinzuhören. Bei der Musik wie bei ihrem Schöpfer.
Michel – das wissen die Wenigsten – hatte sich lange Jahre neben der Musik auch immer wieder der Malerei gewidmet, bis er erkannte, als Musiker mehr Talent zu haben. Doch der Stellenwert, den Optik und Visualisierbarkeit bis heute in seinem Schaffen haben, rührt daher. Deshalb ist es auch zu gleichen Teilen der „Bossa Nova“, den er vor seinem inneren Auge hört und sieht: „Bossa Nova“ gehörte in den 60ern zum Lebensstil – Cocktail Parties in schicken Lounges mit coolem Jazz. Dieses Image ist es, was mich an Bossa Nova interessiert. Ich mag diese Klischeebilder aus der Zeit bis etwa 1967. Musikalisch bin ich weniger ein Freund der seichten Unterhaltungsmusik dieser Periode, ich liebe aber die brasilianischen Musikelemente, diesen leicht melancholischen Latin-Sound und vor allen die großartigen orchestralen Arrangements.“
Klangfarbenmalerei auf Song-Miniaturen
„Bossa Nova“ ist hier also nicht Genrebezeichnung, sondern Lebensgefühl, Ausdruck geistiger Eleganz, und in erster Linie die Benutzeroberfläche, auf der van Dyke seine Song-Miniaturen projeziert. Als visuell mitorientierter Künstler malte Michel für BOSSA NOVA elf feinsinnig beobachtete und hintersinnig erzählte kleine Geschichten mit den Klangfarben seines großen Sound-Archivs und seiner selbst eingespielten (Keyboards & Programmierung, Gitarren) zum Teil auch mit Hilfe von Gästen bedienten Instrumente (z.B. Percussionist Black Pete, Flügelhornist Peter Hinderthür und die Streicher vom Surrection Orchestra unter Leitung von Stefan Pintev). Und darunter finden sich – hier müssen wir ausnahmsweise mal einen Superlativ bemühen – etliche echte, zeitlose und lupenreine Liederdiamanten.
Mit einer Spielzeit von gut 40 Minuten bleibt Michel seiner Linie treu: Kurz, bündig, schlüssig, ohne Hänger: „Alle Platten, die ich früher geliebt habe, waren – bedingt natürlich auch durch das LP-Format – sowieso nicht länger als maximal 45 Minuten. Ich kenne kein einziges 70-Minuten-Album, bei dem ich bis zum Ende bei der Stange bleibe.“
Es geht um Liebe – was sonst?
Damit steigt bei Michel zwar der Musikminutenpreis. Dass dies nur die halbe Wahrheit ist, wissen nicht nur van Dykes vornehmlich weiblichen Fans: Nicht die Länge, nur die Liebe zählt. BOSSA NOVA ist eine monothematische Platte. „Es geht um Mann und Frau, um die Liebe. Worüber sonst?“ Doch van Dykes Beziehungsszenen sind nie eindeutig, seine Bilder von Liebe und Trennung, Sehnsucht und Überdruss, Versöhnung und Verletzung sind nie so scharf fotografiert, dass der Hörer nicht immer auch sich selbst darin wieder erkennen könnte. Das ist Michels Zaubertrick: Er stellt die Wahrheit da, so wie sie nun mal ist: unscharf, ungenau und stets doch nur im Auge des Betrachters entstehend.
Van Dykes Texte sind kurz, prägnant und finden immer den Punkt: „Für mich ist es nach wie vor das Erstrebenswerteste überhaupt, ein Songwriter zu sein, der mit wenigen Worten sehr viel sagen kann. Texte zu schreiben ist ein dauernder Prozess des Reduzierens eines Drehbuches auf den Kern einer Geschichte.“ Dabei geht für Michel im Zweifelsfall das Authentische vor dem Autobiographischen: „Ich möchte nicht, dass es zu persönlich wird. Ich will den Menschen etwas geben, womit sie sich identifizieren können. Und dann muss die Sprache auch noch gut im Song klingen. Beides ist mir viel wichtiger als irgendein autobiographischer Anspruch. Die Texte müssen natürlich authentisch sein, ich muss das genau so fühlen können wie ich es singe, aber ich muss das alles nicht zwangsläufig selbst erlebt haben – ich stelle mir auch sehr oft vor, wie ich mich in bestimmten Situationen fühlen würde.“ Das macht man so als verheirateter Mann und Familienvater (Söhne 8 und 11). Gedanken sind frei – und man bleibt seinem Partner dennoch treu.
Kleine Geschichten, große Gefühle
Die Menschen, über die Michel auf BOSSA NOVA singt, sind moderne Geschlechter-Archetypen: Sie versuchen es, kommen aber trotzdem nicht zusammen. „Das liegt vielleicht daran, dass ich mich selbst zurzeit in meiner Haut so wohl fühle. Ich kann über Unglück am besten schreiben, wenn ich außen vor stehe. Natürlich kann man über Unglück auch schreiben, wenn man mittendrin steckt, aber es hört sich fast immer fürchterlich an. Selbstmitleidsprosa.“ Michels Kunst – auch in diesem Punkt unterscheidet er sich elementar von den meisten Kollegen – entsteht also nicht aus dem Leid, sondern aus dem Abstand: „Nur bei Sachen, die schon ein paar Jahre alt sind, hebt sich der verklärende Nebel und man bekommt den klaren, unsentimentalen Blick. Deshalb ist der Blick mit dem Abstand der Zeit oft sogar wahrer.“
Eine Wahrheit, die auch in Michels Musik nun nicht mehr nur ab und zu aufflackert, sondern ganz ruhig und warm in jedem Song leise leuchtet. Van Dyke fielen ja zum Beispiel schon immer Melodien ein, die nicht zwingend in ein normales Pop-Korsett hätten gebunden werden müssen. Wenn Michel seine alten Platten hört, denkt er: „Naja, überladen produziert, ein bisschen zu ambitioniert – aber der Junge hat ein Gefühl für Melodien.“ Dennoch brauchte er lange Jahre, um das nicht nur zu erkennen, sondern zu einer völlig neuen musikalischen Form zu bringen. Mit dem Vorgängeralbum DIE GROßE ILLUSION schaffte er die Abwendung von der klassischen Popmusik angloamerikanischer Prägung und sang erstmals in deutscher Sprache.
Anleitung zum Uncoolsein
Und plötzlich wurde ihm klar: „Ich glaube, dass ich nicht der einzige Musiker bin, der lange Zeit in großen Missverständnissen lebte. Für mich war es das größte Missverständnis, zu glauben, dass man cool sein muss.“ Das Problem in Deutschland ist, dass alles, was gemeinhin mit Popmusik zu tun hat, erst mal nicht ernst genommen wird. Auch Michel sah sich von Anfang an „als Popmusiker, der dennoch immer cool sein wollte.“ Und verwechselte lange Zeit Haltung mit Handwerk: „Das Album KOZMETIKA zum Beispiel hatte tolle Songs, war aber doch ziemlich überproduziert. Inzwischen weiß ich: Der Junge hatte einfach nur Angst, nicht erst genommen zu werden, weil seine Musik zu poppig klingen könnte. Jetzt versteckt sich die Musik nicht mehr hinter irgendwelchen coolen Gitarren oder coolen Jacken. Das bin ich. 100 Prozent. Mehr Seele kann ich nicht geben.“
Deshalb hat BOSSA NOVA auch trotz ein paar oberflächlichen Ähnlichkeiten bei Tempo und Sound-Landschaften mit Lounge oder Easy Listening heutiger Prägung überhaupt nichts zu tun. Das eine ist Gebrauchsmusik, bei Michel aber steht am Anfang immer die Geschichte, die Imagination, der Song. Van Dyke ist kein musikalischer Raumausstatter, der den leeren Platz zwischen zwei Lautsprecherboxen mit hübschen Klangfarben ausmalt: „Ich bin in aller erster Linie Songwriter.“ Noch dazu einer, von dessen Output – nebenbei bemerkt – auch Kollegen wie Echt profitierten, deren Hits „Wo bist du jetzt“ und „Du trägst keine Liebe in Dir“ er komponierte.
Bossa für die Jetzt-Zeit
„BOSSA NOVA ist viel mehr als Retro. Es klingt wie eine Platte von heute, bei der viele Klangquellen elegant ineinander fließen, aber gezielt auch Brüche und Schnitte zu hören sind. Ein bisschen wie Lego-Spielen: Es ist toll, wie realistisch das Gebastelte aussieht. Aber manchmal ist es auch wunderschön, die einzelnen Steine zu erkennen. Für Michel sind das aber nur nachrangige Fragen: „Das Wichtigste ist, dass die Elemente, die ich zusammenmixe in ihrem Verhältnis zueinander stimmen. Das eigene Gesicht dieser Platte ist mir eigentlich erst bewusst geworden, nachdem die meisten Songs fertig waren. Und dann konnte ich auch erst die drei oder vier Stücke aussortieren, die nicht in diese Stimmung passen.“ Deshalb gibt es keine lauten Stücke mehr: „Ich wollte ein Album machen, das man tatsächlich durchhören kann. Die Platten, die ich wirklich geliebt habe, haben immer eine ganz bestimmte Stimmung durchgehalten. DIE GROßE ILLUSION war eher ein normales Pop-Album – nach der Balladen kommt ein Uptempo-Stück, damit wir nicht einschlafen.“
Bei BOSSA NOVA wird trotz all der Ruhe, die die Songs ausstrahlen, erst recht keiner einschlafen. Dafür muss Michel nicht mehr auf die Pauke hauen. Seine klugen und gleichermaßen tief emotionalen Chansons entwickeln ganz von selbst diesen seltsamen Magnetismus, der den Daumen wie von Geisterhand gelenkt immer wieder zur „Repeat“-Taste gleiten lässt.
Michels Musik-Cocktail hinterlässt den Genießer wie ein guter Gin-Martini: gerührt, nicht geschüttelt. Und so wird aus vermeintlichem Easy Listening Michel van Dykes ureigene Genre-Nische, sein unanfechtbares Alleinstellungsmerkmal: Heavy Listening mit Hinhör-Zwang.
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