Nick Cave and The Bad Seeds Biographie
Nick Cave and The Bad Seeds
Dank eines Arbeitseifers, der auf Fleiß, Tatendrang, unermüdlicher Kreativität sowie einem Album pro Jahr basiert und von Nick Cave And The Bad Seeds 2003 mit der Veröffentlichung von Nocturama eingeläutet wurde, ist etwas entstanden, das wohl kaum jemand erwartet hat - zwei Alben, die beide als eigenständige Meisterwerke stehen; zwei stürmische, treibende, unerbittliche, hingebungsvolle, verführerische, sanfte, herzzerreißend schöne Alben, deren Texte zwischen Zynismus und Optimismus pendeln, zwischen Niedergeschlagenheit und Trotz, die von Liebe, Krieg, Schönheit, Kindern, Romanzen, Zurückweisung, Pethedin, Poesie, Höschen, Gott, Auden, Johnny Cash, kalten Kartoffeln, zu viel Geld, nicht genug Geld, Schreibblockade, Blumen, Tieren und noch mehr Blumen erzählen. Aber vielleicht projizieren wir hier ein wenig zu viel hinein ...
Gehen wir zunächst einmal zurück zu Nocturama und ins Jahr 2003. Es sollte, so sagten die Bad Seeds, eine Rückkehr zum schleichenden, ungezähmten, mehrköpfigen Gemeinschaftsgeist dieser Band werden, jenem Geist, der 1983 aus der Asche der australischen Legende The Birthday Party entstand, wiedergeboren mit dem rohen, schonungslosen Debüt From Her To Eternitiy und seither stets spuckend und zähnefletschend präsent dank einer Serie erstaunlicher, unvergesslicher Alben, die im Laufe der Achtziger und Neunziger veröffentlicht wurden. Und während The Boatmanns Call (1997) und No More Shall We Part (2001) von vielen Fans als kreative Höhepunkte in Caves Schaffen als Songwriter und Arrangeur angesehen wurden, verspürte die Band nach wie vor das Bedürfnis, zu ihrem Groove zurückzufinden.
Und Groove hatte Nocturama reichlich. Binnen einer Woche geprobt und aufgenommen, produziert mit Unterstützung von Ex-Birthday Party-Producer Nick Launay, war dies ein Album, das sich von jeglichen Hemmungen befreit hatte, eine gloriose Sturmböe ungezähmter, wilder, gemeinschaftlicher Power, der Sound von acht erstklassigen Musikern - Cave selbst, Blixa Bargeld, Mick Harvey, Thomas Wydler, Martyn P Casey, Conway Savage, Jim Sclavunos und Warren Ellis -, die wie losgelassen wirkten und diesen Zustand in vollen Zügen genossen.
Angesichts dieser wieder entdeckten Energie innerhalb seiner Band tauchte Nick Cave Anfang 2004 mit einem kleinen Team von Bad Seeds-Mitstreitern - namentlich Violinist Warren Ellis, Drummer Jim
Sclavunos und Bassist Martyn P Casey - im winzigen Misere-Studio in Paris unter, wo er eine Art Songwriting-Event inszenierte.
"Nick reiste in Paris mit einem Stapel Texte und einem Bündel Akkorde an", erinnert sich Warren Ellis. "Ich hatte gerade eine Mandoline und eine Bazouki gekauft und meine Frau damit in den Wahnsinn getrieben, und wir spielten vier oder fünf Tage lang ohne Unterbrechung. Mit Nocturama hatten wir uns einiges von der Seele geschafft und waren zu dem zurückgekehrt, was die Bad Seeds früher ausgemacht hat. Nick legte damals einen Schwung und eine Kraft an den Tag, wie er sie in seinem Büro einfach nicht generieren konnte. Es hat Spaß gemacht, ihm dabei zuzusehen, wie er plötzlich wieder Texte aus dem Nichts zauberte und diese Songs entstehen ließ."
Innerhalb von vier Tagen hatten Cave, Ellis, Casey und Sclavunos genügend Material für zehn CDs im Kasten. "Diese Arbeitsweise bot der Gruppe die Möglichkeit, in den Entstehungsprozess der Stücke involviert zu sein, und das hat dieser Platte gut getan", findet Cave.
Die Bad Seeds 2004 unterscheiden sich von der Band, die Nocturama aufnahm, denn Blixa Bargeld hat ihnen inzwischen den Rücken gekehrt, und der ehemalige Gallon Drunk-Frontman James Johnston ist dazugestoßen.
"Sein Abschied war ein starker Einfluss", sagt Cave. "Blixa, den ich aus tiefstem Herzen liebe, war ein essenzieller Bestandteil der Bad Seeds. Die alles entscheidende Frage war, ob wir aus seinem Abgang etwas Positives herausziehen konnten oder ob wir die nächsten zehn Jahre als trauernde Witwen durchs Leben gehen würden. Die Veränderung im Line-up gab Mick Harvey mehr Raum für seine Gitarre und Warren Ellis die Möglichkeit, mehr Rhythmus einzubringen. Er spielt eine irische Bazouki über einen Verstärker, was einen einzigartigen Sound produziert. James war ganz versessen auf Arbeit, als er zu uns kam, und auf dem Album ist eine brandheiße Orgel zu hören."
Während Nocturama absichtlich in rasantem Tempo geschrieben wurde, schloss sich Cave nun über "lange Zeit" ein und schrieb die Songs, aus denen schließlich Abbatoir Blues/The Lyre Of Orpheus entstehen sollte. Dieses Mal arbeitete die Band auch bei den Proben enger zusammen und entwickelte den definitiven Bad Seeds-Sound. An dieser Front erwies sich Produzent Launay übrigens als besonders hilfreich, denn er schlug vor, im Frühling in Paris auf dem herrlich heruntergekommenen Analog-Equipment der Studios Ferber aufzunehmen.
"Ich schlug Paris vor, weil es aus romantischer Sicht Sinn machte", erklärt Launay. "Und dann entdeckte ich dieses Studio, in dem normalerweise Jazz-Alben eingespielt werden und Sachen von
Serge Gainsbourg und Johnny Halliday. Dort gab es diese sehr alten, riesigen Mirkos, einfaches Equipment aus den Sechzigern und Siebzigern, bei dem nicht viel schief gehen kann. Nick sah das Studio und sagte sofort: ‚Das ist toll. Alt und abgehalftert, genau wie wir.'"
"Das Ergebnis war ein treibender Sound", sagt Cave, "mit genügend Freiraum, sodass nichts fixiert oder eingeschränkt wirkt. Die Rhythmus-Spur stand, alles andere klingt improvisiert."
Dabei herausgekommen ist eine rohe, organische, pulsierende Musik, die eindeutig zum besten gehört, was die Bad Seeds je hervorgebracht haben, zusätzlich aufgepeppt von einer Truppe junger Sänger des London Community Gospel Choir. Die Songs um die Gospelsänger herum aufzubauen erforderte Proben - ein ungewohntes Konzept für eine so erfahrene Gruppe improvisationsfreudiger Musiker wie die Bad Seeds.
"Die Bad Seeds in den Proberaum zu bekommen, ist schwierig", gibt Cave zu, "doch schließlich probten wir mehrere Tage lang mit den Gospelsängern und konnten sie so in die Entwicklung der Songs einbeziehen. Große Teile der Musik wurden um dieses Gospelelement aufgebaut, was die Songs auf eine ganz andere Ebene hob. Wir wollten eine Musik schaffen, die roh, treibend und extrem geladen klingen sollte und setzten die Gospel-Sänger ein, um Leichtigkeit und Schwerelosigkeit in die Aufnahme zu bringen."
"Nicks Gesang wurde live aufgenommen, während er Klavier spielte, und die übrigen Bad Seeds orientierten sich an ihm", erzählt Launay. "So arbeitet heute niemand mehr. Jeder brachte seinen eigenen, einzigartigen Beitrag ein, wie bei einer Jazz-Band. Das ist eine sehr schöne Beziehung."
Als die Gruppe in den Astoria Studios auf Dave Gilmours berühmtem Hausboot in Hampton-on-Thames am Mix arbeitete, stand ziemlich schnell fest, dass die Bad Seeds es mit mehr als einem Album zu tun hatten.
"Ursprünglich hatten wir Bedenken, ein Doppelalbum herauszubringen", blickt Cave zurück. "Häufig sind Doppelalben einfach zu überwältigend, enthalten zu viele Informationen. Aber da waren zu viele gute Songs, ich hatte nicht das Herz, sie auszumustern, also ... teilten wir sie auf zwei unterschiedliche Alben auf, jedes mit seiner eigenen Persönlichkeit, jedes mit seinem eigenen Titel. Jim Sclavunos, der einen sehr schweren Drum-Stil hat, trommelt auf Abbatoir Blues, während Thomas [Wydler] auf The Lyre Of Orpheus zu hören ist; sein Stil ist leichter und ruhiger. Während der Songwriting-Sessions in Paris kam ein breites Spektrum von Material zusammen - Progressive Rock, Heavy Metal, Blues, Country, alles Mögliche. Es wurde verspielt und humorvoll aufgenommen, mit einer absichtlichen Missachtung der Art von Musik, die normalerweise mit dem Sound der Bad Seeds in Verbindung gebracht wird. So wurde alles offener, alles schien möglich."
Ein gutes Beispiel für diese Verspieltheit ist die erste Single Nature Boy, ein fröhlicher, fließender Popsong darüber, wie Schönheit diese Welt zu retten vermag. "Wir fühlten uns an Come Up And See
Me von Cockney Rebel erinnert", sagt Cave, "von denen wir natürlich Fans sind. Ein ansteckendes, sexy Stück, gradliniger Pop, und es war ein gutes Gefühl, so etwas zu spielen."
Und das ist der Punkt, an dem wir Nick Caves eigene Ausführungen verlassen müssen, denn diese Alben sollte jeder für sich entdecken. Manche werden das schwere, schlingernde, üppige Abbatoir Blues bevorzugen. Nach dem leidenschaftlichen, kreischenden Hosianna des ersten Stücks Get Ready For Love eröffnet sich ein Album voller vielfältiger Wunder - wie Cannibal's Hymn mit seinem unwiderstehlichen, einsamen Funk, der eindringliche, leicht zerrissen wirkende Gospel von Hiding All Away (man achte auf die Stelle, wo Caves Gesang bei den Gospel-Sänger Heiterkeit auslöst), ganz zu schweigen von den erstaunlichen, atemberaubenden Koda der Songs. Dann ist da noch die geisterhafte Ballade Let The Bells Ring, die ein Klagegesang zum Tod von Johnny Cash sein könnte, die klebrige, albtraumhafte Bestialität von Fable Of The Brown Ape, die geisterhafte Endzeit-Strömung von Messiah Ward und There She Goes, My Beautiful World - vielleicht der schönste Song, der je über Schreibblockade und Selbstzweifel geschrieben wurde. Nicht zu vergessen der Titeltrack, der ein süßlich-finsteres Portrait voller Selbstzweifel und Selbstbelustigung in einer Welt von langsam zerbröckelnden Werten zeichnet und die wahrscheinlich finstersten "Woke up this morning ..."-Verse der letzten Jahre enthält.
Andere werden sich lieber in The Lyre Of Orpheus verlieren, hinabgezogen in tiefe Abgründe von dem nüchternen, finster-komischen, mythischen Klagegesang des Titelsongs, der zugleich das Album eröffnet, weiter in die die Tiefe gelockt von Warren Ellis' an Roland Kirk erinnernde Flötentriller in Breathless, bevor sie in das erfreulich einfache, piano-geführte Liebeslied (Babe You Turn Me On) des Albums eintauchen. Es folgen ein beißender, verdreht-schöner Trauergesang, der den schnellen Reichtum seines Autors beklagt (Easy Money), der zu einem Flamenco aufbereitete Funeral Blues von Auden (Supernaturally), ein hypnotischer Folksong über eine schwache, hingebungsvolle Liebe (Spell) und das abschließende chorale Endzeit-Meisterwerk O Children.
Nick Cave hat sich im Laufe der Jahre stets in bester Gesellschaft bewegt, hat geistreiche, gut gekleidete Zirkel um sich geschart, in denen er düstere Geschichten für Außenseiter schrieb, seit er Anfang der Achtziger die glorios apokalyptischen Desperados namens The Bad Seeds gründete. Angefangen beim heulenden Blues ihres Debüts From Her To Eternity (1984) und The Firstborn Is Dead (1985) über die kunstvollen Grotesken und albtraumhaften Gassen von Your Funeral My Trial (1986), den sehnsüchtigen, drogenkranken Schmerz von Tender Prey (1988), das finstere Pop-Melodram The Good Son (1990) oder den gefühlvollen Blues seiner 1992er Veröffentlichung Henry's Dream bis hin zu Let Love In (1994), den komplex-blutigen Erzählungen der 1996er Murder Ballads oder dem nüchternen Kummer von The Boatman's Call (1997), dem Mark gefrierenden, majestätischen Epos No More Shall We Part (2002) oder der Brutalität von Nocturama (2003) - noch nie haben Nick Cave And The Bad Seeds so gut geklungen wie auf Abbatoir Blues/The Lyre Of
Orpheus. Davon sollte sich allerdings jeder selbst überzeugen und sich nicht auf das Presse-Info vertrauen.
"In meinem Kopf melden sich keine Stimmen, die sagen: ‚Das hättest du wirklich besser machen können'", erklärt Cave. "Ich habe mir dieses Album immer wieder angehört, und die Stimmen bleiben stumm."
"Im Laufe der Jahre hat mich mein Bauchgefühl bezüglich unserer Platten noch nie getrogen", schließt Mick Harvey ab. "Ich bin davon überzeugt, dass dies unser bestes Album ist."
Abbatoir Blues/The Lyre Of Orpheus erscheint am 20. September bei Mute. Die Single Nature Boy wird bereits am 6. September 2004 veröffentlicht. Nick Cave And The Bad Seeds gehen im November auf Tournee.
Gehen wir zunächst einmal zurück zu Nocturama und ins Jahr 2003. Es sollte, so sagten die Bad Seeds, eine Rückkehr zum schleichenden, ungezähmten, mehrköpfigen Gemeinschaftsgeist dieser Band werden, jenem Geist, der 1983 aus der Asche der australischen Legende The Birthday Party entstand, wiedergeboren mit dem rohen, schonungslosen Debüt From Her To Eternitiy und seither stets spuckend und zähnefletschend präsent dank einer Serie erstaunlicher, unvergesslicher Alben, die im Laufe der Achtziger und Neunziger veröffentlicht wurden. Und während The Boatmanns Call (1997) und No More Shall We Part (2001) von vielen Fans als kreative Höhepunkte in Caves Schaffen als Songwriter und Arrangeur angesehen wurden, verspürte die Band nach wie vor das Bedürfnis, zu ihrem Groove zurückzufinden.
Und Groove hatte Nocturama reichlich. Binnen einer Woche geprobt und aufgenommen, produziert mit Unterstützung von Ex-Birthday Party-Producer Nick Launay, war dies ein Album, das sich von jeglichen Hemmungen befreit hatte, eine gloriose Sturmböe ungezähmter, wilder, gemeinschaftlicher Power, der Sound von acht erstklassigen Musikern - Cave selbst, Blixa Bargeld, Mick Harvey, Thomas Wydler, Martyn P Casey, Conway Savage, Jim Sclavunos und Warren Ellis -, die wie losgelassen wirkten und diesen Zustand in vollen Zügen genossen.
Angesichts dieser wieder entdeckten Energie innerhalb seiner Band tauchte Nick Cave Anfang 2004 mit einem kleinen Team von Bad Seeds-Mitstreitern - namentlich Violinist Warren Ellis, Drummer Jim
Sclavunos und Bassist Martyn P Casey - im winzigen Misere-Studio in Paris unter, wo er eine Art Songwriting-Event inszenierte.
"Nick reiste in Paris mit einem Stapel Texte und einem Bündel Akkorde an", erinnert sich Warren Ellis. "Ich hatte gerade eine Mandoline und eine Bazouki gekauft und meine Frau damit in den Wahnsinn getrieben, und wir spielten vier oder fünf Tage lang ohne Unterbrechung. Mit Nocturama hatten wir uns einiges von der Seele geschafft und waren zu dem zurückgekehrt, was die Bad Seeds früher ausgemacht hat. Nick legte damals einen Schwung und eine Kraft an den Tag, wie er sie in seinem Büro einfach nicht generieren konnte. Es hat Spaß gemacht, ihm dabei zuzusehen, wie er plötzlich wieder Texte aus dem Nichts zauberte und diese Songs entstehen ließ."
Innerhalb von vier Tagen hatten Cave, Ellis, Casey und Sclavunos genügend Material für zehn CDs im Kasten. "Diese Arbeitsweise bot der Gruppe die Möglichkeit, in den Entstehungsprozess der Stücke involviert zu sein, und das hat dieser Platte gut getan", findet Cave.
Die Bad Seeds 2004 unterscheiden sich von der Band, die Nocturama aufnahm, denn Blixa Bargeld hat ihnen inzwischen den Rücken gekehrt, und der ehemalige Gallon Drunk-Frontman James Johnston ist dazugestoßen.
"Sein Abschied war ein starker Einfluss", sagt Cave. "Blixa, den ich aus tiefstem Herzen liebe, war ein essenzieller Bestandteil der Bad Seeds. Die alles entscheidende Frage war, ob wir aus seinem Abgang etwas Positives herausziehen konnten oder ob wir die nächsten zehn Jahre als trauernde Witwen durchs Leben gehen würden. Die Veränderung im Line-up gab Mick Harvey mehr Raum für seine Gitarre und Warren Ellis die Möglichkeit, mehr Rhythmus einzubringen. Er spielt eine irische Bazouki über einen Verstärker, was einen einzigartigen Sound produziert. James war ganz versessen auf Arbeit, als er zu uns kam, und auf dem Album ist eine brandheiße Orgel zu hören."
Während Nocturama absichtlich in rasantem Tempo geschrieben wurde, schloss sich Cave nun über "lange Zeit" ein und schrieb die Songs, aus denen schließlich Abbatoir Blues/The Lyre Of Orpheus entstehen sollte. Dieses Mal arbeitete die Band auch bei den Proben enger zusammen und entwickelte den definitiven Bad Seeds-Sound. An dieser Front erwies sich Produzent Launay übrigens als besonders hilfreich, denn er schlug vor, im Frühling in Paris auf dem herrlich heruntergekommenen Analog-Equipment der Studios Ferber aufzunehmen.
"Ich schlug Paris vor, weil es aus romantischer Sicht Sinn machte", erklärt Launay. "Und dann entdeckte ich dieses Studio, in dem normalerweise Jazz-Alben eingespielt werden und Sachen von
Serge Gainsbourg und Johnny Halliday. Dort gab es diese sehr alten, riesigen Mirkos, einfaches Equipment aus den Sechzigern und Siebzigern, bei dem nicht viel schief gehen kann. Nick sah das Studio und sagte sofort: ‚Das ist toll. Alt und abgehalftert, genau wie wir.'"
"Das Ergebnis war ein treibender Sound", sagt Cave, "mit genügend Freiraum, sodass nichts fixiert oder eingeschränkt wirkt. Die Rhythmus-Spur stand, alles andere klingt improvisiert."
Dabei herausgekommen ist eine rohe, organische, pulsierende Musik, die eindeutig zum besten gehört, was die Bad Seeds je hervorgebracht haben, zusätzlich aufgepeppt von einer Truppe junger Sänger des London Community Gospel Choir. Die Songs um die Gospelsänger herum aufzubauen erforderte Proben - ein ungewohntes Konzept für eine so erfahrene Gruppe improvisationsfreudiger Musiker wie die Bad Seeds.
"Die Bad Seeds in den Proberaum zu bekommen, ist schwierig", gibt Cave zu, "doch schließlich probten wir mehrere Tage lang mit den Gospelsängern und konnten sie so in die Entwicklung der Songs einbeziehen. Große Teile der Musik wurden um dieses Gospelelement aufgebaut, was die Songs auf eine ganz andere Ebene hob. Wir wollten eine Musik schaffen, die roh, treibend und extrem geladen klingen sollte und setzten die Gospel-Sänger ein, um Leichtigkeit und Schwerelosigkeit in die Aufnahme zu bringen."
"Nicks Gesang wurde live aufgenommen, während er Klavier spielte, und die übrigen Bad Seeds orientierten sich an ihm", erzählt Launay. "So arbeitet heute niemand mehr. Jeder brachte seinen eigenen, einzigartigen Beitrag ein, wie bei einer Jazz-Band. Das ist eine sehr schöne Beziehung."
Als die Gruppe in den Astoria Studios auf Dave Gilmours berühmtem Hausboot in Hampton-on-Thames am Mix arbeitete, stand ziemlich schnell fest, dass die Bad Seeds es mit mehr als einem Album zu tun hatten.
"Ursprünglich hatten wir Bedenken, ein Doppelalbum herauszubringen", blickt Cave zurück. "Häufig sind Doppelalben einfach zu überwältigend, enthalten zu viele Informationen. Aber da waren zu viele gute Songs, ich hatte nicht das Herz, sie auszumustern, also ... teilten wir sie auf zwei unterschiedliche Alben auf, jedes mit seiner eigenen Persönlichkeit, jedes mit seinem eigenen Titel. Jim Sclavunos, der einen sehr schweren Drum-Stil hat, trommelt auf Abbatoir Blues, während Thomas [Wydler] auf The Lyre Of Orpheus zu hören ist; sein Stil ist leichter und ruhiger. Während der Songwriting-Sessions in Paris kam ein breites Spektrum von Material zusammen - Progressive Rock, Heavy Metal, Blues, Country, alles Mögliche. Es wurde verspielt und humorvoll aufgenommen, mit einer absichtlichen Missachtung der Art von Musik, die normalerweise mit dem Sound der Bad Seeds in Verbindung gebracht wird. So wurde alles offener, alles schien möglich."
Ein gutes Beispiel für diese Verspieltheit ist die erste Single Nature Boy, ein fröhlicher, fließender Popsong darüber, wie Schönheit diese Welt zu retten vermag. "Wir fühlten uns an Come Up And See
Me von Cockney Rebel erinnert", sagt Cave, "von denen wir natürlich Fans sind. Ein ansteckendes, sexy Stück, gradliniger Pop, und es war ein gutes Gefühl, so etwas zu spielen."
Und das ist der Punkt, an dem wir Nick Caves eigene Ausführungen verlassen müssen, denn diese Alben sollte jeder für sich entdecken. Manche werden das schwere, schlingernde, üppige Abbatoir Blues bevorzugen. Nach dem leidenschaftlichen, kreischenden Hosianna des ersten Stücks Get Ready For Love eröffnet sich ein Album voller vielfältiger Wunder - wie Cannibal's Hymn mit seinem unwiderstehlichen, einsamen Funk, der eindringliche, leicht zerrissen wirkende Gospel von Hiding All Away (man achte auf die Stelle, wo Caves Gesang bei den Gospel-Sänger Heiterkeit auslöst), ganz zu schweigen von den erstaunlichen, atemberaubenden Koda der Songs. Dann ist da noch die geisterhafte Ballade Let The Bells Ring, die ein Klagegesang zum Tod von Johnny Cash sein könnte, die klebrige, albtraumhafte Bestialität von Fable Of The Brown Ape, die geisterhafte Endzeit-Strömung von Messiah Ward und There She Goes, My Beautiful World - vielleicht der schönste Song, der je über Schreibblockade und Selbstzweifel geschrieben wurde. Nicht zu vergessen der Titeltrack, der ein süßlich-finsteres Portrait voller Selbstzweifel und Selbstbelustigung in einer Welt von langsam zerbröckelnden Werten zeichnet und die wahrscheinlich finstersten "Woke up this morning ..."-Verse der letzten Jahre enthält.
Andere werden sich lieber in The Lyre Of Orpheus verlieren, hinabgezogen in tiefe Abgründe von dem nüchternen, finster-komischen, mythischen Klagegesang des Titelsongs, der zugleich das Album eröffnet, weiter in die die Tiefe gelockt von Warren Ellis' an Roland Kirk erinnernde Flötentriller in Breathless, bevor sie in das erfreulich einfache, piano-geführte Liebeslied (Babe You Turn Me On) des Albums eintauchen. Es folgen ein beißender, verdreht-schöner Trauergesang, der den schnellen Reichtum seines Autors beklagt (Easy Money), der zu einem Flamenco aufbereitete Funeral Blues von Auden (Supernaturally), ein hypnotischer Folksong über eine schwache, hingebungsvolle Liebe (Spell) und das abschließende chorale Endzeit-Meisterwerk O Children.
Nick Cave hat sich im Laufe der Jahre stets in bester Gesellschaft bewegt, hat geistreiche, gut gekleidete Zirkel um sich geschart, in denen er düstere Geschichten für Außenseiter schrieb, seit er Anfang der Achtziger die glorios apokalyptischen Desperados namens The Bad Seeds gründete. Angefangen beim heulenden Blues ihres Debüts From Her To Eternity (1984) und The Firstborn Is Dead (1985) über die kunstvollen Grotesken und albtraumhaften Gassen von Your Funeral My Trial (1986), den sehnsüchtigen, drogenkranken Schmerz von Tender Prey (1988), das finstere Pop-Melodram The Good Son (1990) oder den gefühlvollen Blues seiner 1992er Veröffentlichung Henry's Dream bis hin zu Let Love In (1994), den komplex-blutigen Erzählungen der 1996er Murder Ballads oder dem nüchternen Kummer von The Boatman's Call (1997), dem Mark gefrierenden, majestätischen Epos No More Shall We Part (2002) oder der Brutalität von Nocturama (2003) - noch nie haben Nick Cave And The Bad Seeds so gut geklungen wie auf Abbatoir Blues/The Lyre Of
Orpheus. Davon sollte sich allerdings jeder selbst überzeugen und sich nicht auf das Presse-Info vertrauen.
"In meinem Kopf melden sich keine Stimmen, die sagen: ‚Das hättest du wirklich besser machen können'", erklärt Cave. "Ich habe mir dieses Album immer wieder angehört, und die Stimmen bleiben stumm."
"Im Laufe der Jahre hat mich mein Bauchgefühl bezüglich unserer Platten noch nie getrogen", schließt Mick Harvey ab. "Ich bin davon überzeugt, dass dies unser bestes Album ist."
Abbatoir Blues/The Lyre Of Orpheus erscheint am 20. September bei Mute. Die Single Nature Boy wird bereits am 6. September 2004 veröffentlicht. Nick Cave And The Bad Seeds gehen im November auf Tournee.
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