Placebo Biographie
Placebo
Letzten Endes fallen alle Schätze auf, auch wenn sie noch so gut versteckt sind. Geblendet vom großen Erfolg dies- und jenseits des Atlantiks von englischen Bands wie Franz Ferdinand und The Kaiser Chiefs, hat man fast vergessen, dass Placebo sich in den vergangenen zehn Jahren langsam zu einer der weltweit größten und besten Rockbands entwickelt haben. Allein im Jahre 2000, als man fürchtete, es gäbe in Großbritannien keine neuen Talente mehr, verkauften Placebo ohne großen Aufhebens eine Million Exemplare ihres dritten Albums "Black Market Music" und kletterten in diversen europäischen Charts auf Platz 1. 2003, als die Medien sich den Libertines zu Füßen warfen, veröffentlichten Placebo ihr viertes Album, "Sleeping With Ghosts", von dem sie 1,5 Millionen Exemplare verkauften und das in 20 Ländern in den Top 10 war.
Allein im Bercy in Paris spielten sie vor 18.000 Fans. Vergleichbar mit anderen düster romantischen Acts wie The Cure, Depeche Mode, Morrissey und REM, die jede gepeinigte menschliche Seele so direkt ansprechen, haben Placebo eine treue, sich explosionsartig vermehrende Anhängerschaft, die sich jenseits des engen Zeitgeist-Spektrums entwickelt. Doch als Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Hewitt im Jahre 2004 die Wembley Arena ausverkauften, um in der Heimat ihre Singles-Compilation "Once More With Feeling" zu promoten und Robert Smith als special guest auf die Bühne baten, da war dieses Phänomen der Rockgeschichte nicht mehr geheim zu halten. Zehn Jahre lang hatten Placebo sich an den Status des Superstars herangeschlichen, und nun nahmen sie endlich ihren Platz auf dem Podest ein. "Es ist stetig gewachsen", erläutert Stefan. "Jedes Album lief ein bisschen besser als der Vorgänger, also war es für uns kein großer Schock. Wir haben in den Jahren unser Handwerk gelernt und auch live ist die Band gewachsen. Bei der letzten Tour waren fünf Musiker auf der Bühne, wodurch Brian und ich die Freiheit hatten, ein paar Showelemente einzubringen. Wir sind in diese Rollen hineingewachsen und fühlen uns wohl damit. Aber als wir 2004 in Wembley spielten, war das schon eine Genugtuung."
Der Aufstieg von Placebo ist geprägt von einem seltenen Hunger nach musikalischer Erneuerung, persönlichen Entdeckungen und nach Geschichten. Stück für Stück haben sie den androgynen Schock-Chic ihrer Anfänge von 1994 hinter sich gelassen und sich der krassen, reifen, direkteren Analyse menschlicher Abgründe gewidmet: den Perversionen, die wir voreinander verstecken, den Schmerzen und Erniedrigungen, die wir einander zufügen, den Abhängigkeiten, in die wir selbst uns begeben und - hin und wieder - den Hoffnungen, die wir uns allzu oft selbst verweigern. Auch auf dem musikalischen Feld haben sie wagemutige neue Schritte gemacht. Auf "Black Market Music" fanden Hip-Hop und Disco-Elemente ihren Weg in die Blaupause grüblerischer Rockmusik. Auf "Sleeping With Ghosts" experimentierten sie mit Elektronik, Loops und studiotechnischen Spielereien. Mutig wie sie sind, forderten sie ihr Publikum heraus, doch das Ergebnis war nur noch loyalere und größere Anhängerschaft von ihren Legionen smarter aber verletzter Rockfans, die zu Placebo-Konzerten kommen, um sich an den unerwarteten stilistischen Wendungen zu erfreuen. Das fünfte Studioalbum, "Meds", verspricht, ihr bislang größtes und überraschendstes Werk zu werden.
Geschrieben wurde "Meds" im Sommer 2004 in Südfrankreich, aufgenommen innerhalb von vier Monaten im Jahr 2005 in den Rak Studios mit dem relativ unbekannten französischen Produzenten Dimitri Tikovoi und abgemischt wurde es von dem legendären Flood (U2, Smashing Pumpkins). "Meds" ist Placebo entblößt. In der Überzeugung, dass sie ihre bislang stärksten Songs überhaupt geschrieben haben, "waren wir plötzlich in der Situation, dass wir zu viele Songs für dieses Album hatten", sagt Brian. "Sonst hat uns immer ein Song gefehlt, also ist die Messlatte für Qualität hier viel höher. Es gibt auf diesem Album mindestens fünf bis sechs potentielle Singles."
Sie erlaubten Tikovoi, den ursprünglich geplanten elektronischen Ansatz zu mindern, den sie eigentlich seit der Synthesizer-getränkten Single "Twenty Years" wieder verfolgt hatten. Nun also soll neben Gitarre, Bass und Schlagzeug die Genialität der Songs für sich selbst sprechen: In den Musikern von Placebo brennt noch das alte Feuer.
"Dimitris Idee bei diesem Album war, dass wir quasi wieder ein Debütalbum machen sollten.", erklärt Brian. "Er wollte uns aus unserer gemütlichen Ecke rausholen, uns herausfordern, Placebo wieder in gefährliche Gewässer treiben. Das Studio Rak ist wie ein Zeittunnel, es hat sich dort seit den 70ern oder 80ern nicht viel geändert. Bei den Aufnahmen fühlt man sich weniger wie in einem digitalen Raumschiff, sondern alles konzentriert sich auf die Performance. Also kehrten wir zu einem der Grundelemente von Placebo zurück. Wenn wir sonst vielleicht ein teures altes Keyboard benutzt hätten, haben wir diesmal einfach Klavier gespielt. Ich glaube, wir haben im Laufe der Zeit den Ruf gewonnen, ziemlich kompliziert zu sein. Wir haben also die Freiheit genossen, uns wieder mit ganz grundlegenden Dingen zu beschäftigen. Wir haben nun mehr Platz gelassen, damit das Songwriting noch durchschimmert, anstatt zu beweisen, wie geschickt wir sind und wie toll wir uns mit Studiotechnik auskennen. Unser Ziel war Einfachheit statt Elaboration."
Das Ergebnis ist nicht nur eine außergewöhnlich empfindsame Platte, sondern Placebos bislang menschlichster Wurf. Molko muss sich hier nicht mehr über abgedrehte Mode oder Sado-Maso-Spielereien definieren: Er ist erwachsen, schreibt fein geschliffene Geschichten und braucht kein Lexikon der Folterinstrumente, um die Missstände des Lebens anzuprangern. Hier finden wir Geschichten von zerbrechlichen Seelen, die durchdrehen, weil sie vergessen haben, ihre Medikamente zu nehmen ("Meds"), Scham und Schrecken, die sich nach einer Drogennacht morgens im Badezimmer spiegeln ("Cold Light Of Morning") oder "Freunde, die sich für einen extrem schlechten Lebensweg entscheiden" ("Song To Say Goodbye"). Dies sind feinfühlig gesponnene Geschichten von Verlust, Verwirrung, Rache, Liebe und Abhängigkeit. Man sollte meinen, dass Molko aus so etwas in der Zwischenzeit herausgewachsen ist.
"Ich weiß", lacht Brian. "Wahrscheinlich ist es so, dass man als Mitglied einer Rockband nicht so schnell erwachsen wird wie andere Leute, egal, was einem im Leben so passiert. Vielleicht ist es ja auch so, dass man den Konflikt so gewöhnt ist und eine Situation, wo jederzeit alles zusammenbrechen könnte, genau abschätzen kann, dass man die manchmal in seiner Umgebung heraufbeschwört, einfach, um sich noch lebendig zu fühlen. Auf dem Album hört man eine gehörige Portion Verwirrung und Verzweiflung - in Placeboworld sind die Dinge eben nicht so einfach. Ich finde, das Interessante an den Figuren in den Songs dieses Albums ist, dass sie alle irgendeinen Konflikt austragen, entweder geht es um sie selbst oder um ihren Platz in dieser Welt, oder um Abhängigkeiten von anderen Menschen oder Drogen."
Es gibt auch das etwas geheimnisvolle Stück "Space Monkey", das keiner in der Band erklären kann, aber das Stefan mit emotionaler Hochachtung erfüllt: "Ich höre mir das Lied an und kann mich nicht erinnern, es jemals gespielt oder aufgenommen zu haben. Es ist, als würde ich eine andere Band hören, und das Stück weckt in mir sehr starke Gefühle. Es ist das erste Mal, dass mir so etwas mit einem unserer Stücke passiert."
"Meds" ist also das beste Placebo-Album bislang, und es wird zweifellos ihr erfolgreichstes werden. Das höchst inspirierte Werk stellt außerdem den starken Einfluss von Placebo unter Beweis: VV von The Kills taucht als Gastmusiker auf und singt auf dem Titelsong des Albums, "Meds", und Bloc Party haben sich bereits an die Band gewandt, weil sie die erste UK-Singleveröffentlichung "Because I Want You" remixen möchten.
Dies ist ein weiterer abenteuerlicher Vorstoß ins Unbekannte, unternommen von einer Band, die das Unbekannte ihr Zuhause nennen könnte. Der Erfolg ist allein schon wegen der Unangepasstheit des Albums garantiert. Um ehrlich zu sein: Bei der großen weltweiten Anhängerschaft kann nichts mehr Placebo stoppen. Man sollte nicht vergessen, dass dies die Band ist, die im vergangenen Jahr nach Chile fuhr, um einige fast vergessene Konzerttermine wahrzunehmen und vor Ort feststellte, dass sie, ohne sich dessen gewahr zu sein, schon längst Lateinamerika erobert hatte.
"Unseren ersten Gig hatten wir in Chile, wo wir nie zuvor gewesen waren", erinnert sich Brian. "Wir dachten, wir hätten dort bestimmt nicht viele Alben verkauft. Tatsächlich aber spielten wir zwei ausverkaufte Konzerte in Hallen, wo 9000 Zuschauer reinpassen. Das war schon mal ein erstaunlicher Einstieg. Dann fuhren wir nach Buenos Aires und spielten vor 7000 Menschen. Danach hatten wir noch acht Konzerte in Brasilien und wurden überschwenglich empfangen. Dieser euphorische Empfang war überraschend und phantastisch. Was für eine tolle Sache das ist, dort drüben große Konzerte zu spielen! Da brummt es so richtig, die Leute sind so leidenschaftlich, wahrscheinlich ist das typisch für Lateinamerika. Morrissey ist in Mexiko ein Riesenstar und Placebo kommen dort auch gut an. In Brasilien sind The Cure die großen Helden, also mögen sie da drüben dieses düster Romantische, was uns ja auch mit The Cure verbindet."
"Es war schön, in ein Land zu fahren, das wir noch nie zuvor besucht hatten, und dort so großartig empfangen zu werden" bestätigt Steve. "Die Band spielte gut, etwas härter und zielstrebiger als auf unseren letzten Tourneen. Auf dem Rocklevel war es sozusagen noch drei Stufen höher."
Wenn die nun anstehende "Meds" Welttournee beendet ist, wird es keine weiteren Stufen auf dem Rocklevel mehr zu erklimmen geben. Placebo haben die Welt bereits erobert, und nun holen sie Dich. Da sollte man sich zugleich freuen und fürchten.
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Zieh das schwarze Netzhemd an, hol dir ein Glas Absinth und lass uns zur Einführung eine kleine Runde drehen. Hey, da drüben steht ja dein alter Kumpel Nancy Boy! Schau ihn dir an: Wie immer dieses eigenartige Rumgeschubse auf dem Weg zur Küche, überall stößt er dagegen. Hier das Wohnzimmer – ein paar Lohnsklaven sind gerade dabei, ihren Alltagsfrust abzureagieren. Alles okay. Jetzt aufgepasst! Stolpere nicht über den Typen, der auf der Treppe seinen Ecstasy-Rausch ausschläft. Im ersten Stock hängen noch so ein paar Gestalten rum, alle voll auf Droge und fertig mit der Welt. Ja, das ist schon ein verrückter Haufen hier – aber super nett, besser geht’s echt nicht! Jetzt noch ein paar Worte zur Musik: Mit der Beach Party aus „Total Live Request“ auf MTV hat das natürlich nichts zu tun! Eher eine schräge Mischung aus Adrenalin, Krankhaftigkeit, Depression und sexuellen Abnormitäten – ja, ja, das Sommerwetter hier in England… Trotzdem: So essentiell, mitreißend und erfrischend wie das hier war in den letzten zehn Jahren kaum ein anderer Sound! Noch etwas: Lass dich von dem Gekreische der 600.000 französischen Kids da draußen nicht irritieren, du gewöhnst dich schon daran. Los jetzt – es wird die geilste Party deines Lebens!
Bereit für ein paar Fakten? Gut, dann mach’s dir schon mal bequem, denn davon gibt’s viel mehr als du dachtest: Insgesamt 5 Millionen Mal gingen die bislang vier Placebo-Longplayer über den Tisch, das letztjährige Album „Sleeping With Ghosts“ allein 1,4 Millionen Mal. Ein weltweites Phänomen, denn „…Ghosts“ eroberte nicht nur in zwanzig Ländern die Top 10 (in England gelang es Placebo darüber hinaus, die „Brixton Academy“ dreimal bis auf den letzten Platz zu füllen – die Shows waren schneller ausverkauft als jeder andere Placebo-Gig auf britischem Boden je zuvor), in Belgien, Griechenland und Frankreich erreichte es sogar die Pole-Position! Das Verrückte: In Frankreich gelang dies erst im Juli 2004, also ganze 16 Monate nach der ersten Chart-Platzierung von „…Ghosts“ im Land der Trikolore, wo es auf Platz 2 debütiert hatte. Aber was heißt schon verrückt, wenn man bedenkt, dass Placebo in Frankreich ohnehin Superstar-Status genießen und dort vor 18.000 ausgeflippten Fans ihre bislang größte Hallen-Show spielten (absolutes Highlight: das Duett mit Pixies-Chef Frank Black auf „Where Is My Mind“ aus dem Repertoire eben jener Band). Nicht zu vergessen: Die bei diesem Konzert aufgenommene Live-DVD ist mit 200.000 verkauften Einheiten die erfolgreichste aus dem Hause VIRGIN überhaupt! Und der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass Placebo in Osteuropa als die neuen Depeche Mode gehandelt werden, dafür aber in Mexiko kaum noch irgendwo auftreten können – weil das Fassungsvermögen der Stadien dort einfach nicht mehr ausreicht…
Seien wir ehrlich: Würde man alle Mitglieder jener UK-Rockbands, die zurzeit höher im Kurs stehen als Placebo, auf ein Fußballfeld stellen, es käme wohl gerade mal ein Kick fünf gegen fünf zustande. Und vor dem Hintergrund, dass der 10. Geburtstag von Placebo kurz bevorsteht, kommen wir um eine Riesen-Fete eh nicht mehr herum!
„Es wird einfach immer besser und besser“, resümiert ein ob der Erfolgszahlen doch etwas überraschter Brian Molko. „Wenn man sich vorstellt, dass es ’English Summer Rain’ als vierte Singleauskopplung vom letzten Album in England immer noch auf Platz 23 geschafft hat – und das ohne jede Unterstützung von Radio One – dann beeindruckt mich das doch ganz schön. Es war einfach ein überragendes Jahr für uns, und wir sind stolz darauf, dass wir uns selbst immer treu geblieben sind. Wir haben uns nie verbiegen lassen! Okay, vielleicht wäre der Erfolg etwas schneller gekommen, wenn wir uns an die gängigen Spielregeln gehalten hätten, aber dann sähe es heute ganz anders mit uns aus. Wir wären einfach nicht mehr die, die wir sind.“
„Wenn ich mich allein an den Auftritt in Paris erinnere, wird mir immer noch schwindelig. Für unsere Nerven war das der reinste Horror – und das in dreifacher Hinsicht: Es war unser bislang größtes Konzert, es wurde für eine Live-DVD aufgezeichnet, und dann standen wir auch noch mit Frank Black, also einem unserer absoluten Helden auf der Bühne! Dass es wegen dem Mitschnitt nur so wimmelte vor Kameras, tat ein Übriges. Halte einer Band so ein Ding vor die Nase und du kannst förmlich spüren, wie die Anspannung steigt. Plötzlich macht man Fehler, die sonst nie passieren. Um ehrlich zu sein, haben wir uns damals die ganze Zeit auf den Moment gefreut, als die Show endlich zu Ende war!“
Doch zurück zum Band-Jubiläum. Fest steht natürlich, dass Kinderfotos für eine Geburtstagsparty unabdingbar sind – und davon gibt es auf „Once More With Feeling“ gleich 17 Stück. Musikalische Schnappschüsse also aus den frühen Tagen von Placebo, ihren so erfolgreichen Jugendjahren, eben aus jener Zeit, als es langsam aber stetig immer weiter aufwärts ging. Bei „Nancy Boy“ und „36 Degrees“ werden beispielsweise Erinnerungen wach an die BritPop-Ära, als Begriffe wie androgyn und hedonistisch bemüht wurden, um den Placebo-Hype irgendwie in Worte zu fassen. Weiter geht’s mit der dunklen Phase, als Molko & Co. ihre Leiden – wenn auch genüsslich – offenbarten und es ihnen mit dem Album „Without You I’m Nothing“ (1998) erstmals gelang, die Schallmauer von einer Million verkaufter Einheiten zu durchbrechen. Und wer denkt nicht gerne an den Titeltrack, den Placebo zusammen mit David Bowie neu einspielten, oder an das von Produzent Phil Vinall veredelte Stück „Pure Morning“. Dann das verblüffende Outing als Blondie-Fans in Form der Nummern „Special K“ oder „Slave To The Wage“ und schließlich das Hindriften zu experimentellen Elektro-Sounds der Marke „English Summer Rain“ und „The Bitter End“. Mit einer Spielzeit von mehr als 60 Minuten dokumentiert „Once More With Feeling“ vortrefflich die komplette Schaffensphase von Placebo.
„Diese Compilation lässt uns als Band an das zurückdenken, was wir in den zehn Jahren unseres Bestehens erreicht haben“, erklärt Brian Molko. „So etwas wie ein Erfolgsrezept oder eine stilistische Vorgabe hatten wir nie. Wer das Album von Anfang bis Ende durchhört, erlebt alle unsere Entwicklungsstufen und das Erwachsenwerden von Placebo. Ich finde es interessant und bemerkenswert, wie sehr wir uns innerhalb einer Dekade musikalisch verändert haben.“
Rein zufällig wenn auch passend ist dieses Album zudem eine Art Schlussstrich unter die Zusammenarbeit der Band mit dem Label „Hut“, die diese Jahr beendet wurde. Inzwischen zeichnet VIRGIN für alle Placebo-Veröffentlichungen weltweit verantwortlich. Brian Molko: „Auf der einen Seite bin ich traurig, weil uns die Leute bei ’Hut’ von Anfang an begleitet und unterstützt haben. Doch leider gehören eben auch solche Dinge zum Business, die nicht in unserer Hand liegen. Andrerseits freue ich mich einfach, weil es für uns ein Neuanfang ist!“
Selbstverständlich finden sich auf „Once More With Feeling“ auch ganz neue Songs der Band. Und siehe da: Placebo sind kaum wieder zu erkennen! Das erste Beispiel hierfür heißt „I Do“ – ein Song, für den die Band einmal mehr Phil Vinall als Produzenten gewinnen konnte und dem zwei Regeln zugrunde liegen. 1.) Keine Gitarren! 2.) Das Stück dauert maximal zweieinhalb Minuten! Das Resultat erinnert an Bands wie Neu! oder Laurie Anderson und geht als erstes glückliches Liebeslied in die Placebo-Annalen ein. Nein, so schwer es auch zu glauben sein mag, dem ist tatsächlich so.
Brian Molko erläutert: „Wir haben all die Jahre immer wieder mal mit dem Gedanken gespielt, so einen Song zu schreiben – jetzt ist es eben amtlich. Es ist uns vollkommen klar, dass ein glückliches Liebeslied die Placebo-Fans spalten könnte und es für viele ein echter Schock sein wird. Love it or hate it. Ich weiß zwar nicht, ob uns deshalb ein paar Leute den Rücken kehren werden, aber für eine Band wie diese gehört es einfach auch mal dazu, ein Risiko einzugehen. Der Song erzählt wie es ist, wenn man sich Hals über Kopf in jemanden verliebt und schildert die Erfahrungen, die man dabei so macht. Es geht um eine Liebe, die darin gipfelt, dass man schließlich so sein will wie sein Objekt der Begierde, weil man diese Person so unglaublich toll findet. Bezeichnen wir das Stück musikalisch ruhig als kaputt. Eigentlich kann so was gar nicht funktionieren, aber hier geht es eben doch. Der Song ist auf absurde Weise happy und hört sich an, als wäre er selbst auf Droge und seltsam high. Irgendwie würde ich es fast antidepressive Fahrstuhlmusik nennen. Es kommt mir so vor, als bräuchte man dafür ein Rezept.“
Furcht erregend! Dennoch sollten sich die Fans von „Without You I’m Nothing“ nicht allzu große Sorgen machen und noch einen Moment warten, ehe sie sich auf der Suche nach einer Ration Dark Vibes das neue Album von Rachel Stevens besorgen. Denn bei „Twenty Years“, dem zweiten neuen Song dieser Compilation, kann man ihn wieder spüren, den eisigen Klammergriff der Existenzangst – wie knöcherne Finger, die sich um die Seele dieses Stücks legen. Als Team hatten Brian Molko und Paul Campion, Sänger der AC Acoustics, nicht weniger als acht Jahre daran gearbeitet, und das Resultat klingt laut Brian „wie ein Essay zum Thema Sterblichkeit und Vergänglichkeit der Dinge. Es ist pure epische Melancholie!“ Na also! „Aber nicht wirklich unglücklich.“ Schade.
Die erste Textzeile des Songs, dem letzten auf „Once More With Feeling“, lautet „there are twenty years to go“ und versteht sich nicht nur als Message an alle Fans und Placebo-Hasser. Sie ist auch gegen den allgemeinen Trend gerichtet, dass die Veröffentlichung einer Singles-Compilation fast immer gleichbedeutend ist mit den „famous last words“ einer Band. Denn
davon sind Placebo weit entfernt. Zwar nehmen sie die Studioarbeiten an Album Nummer 5 erst nächstes Jahr in Angriff, doch dafür steigt das bevorstehende Jubiläums-Konzert genau dort, wo sich die Band – großes Ehrenwort – nie hinwagen wollte: In der „Wembley Arena“.
„Klar hatten wir fest ausgemacht, dass wir dort nie auftreten würden“, erklärt Brian, „aber wir wollten auch mal den Stinkefinger hochrecken und ’ätsch’ sagen. Auch das gehört zu einem Geburtstagsfest. Es wird ohnehin unser letztes Konzert bis 2006 sein. Wird sicher lustig…“
Allein im Bercy in Paris spielten sie vor 18.000 Fans. Vergleichbar mit anderen düster romantischen Acts wie The Cure, Depeche Mode, Morrissey und REM, die jede gepeinigte menschliche Seele so direkt ansprechen, haben Placebo eine treue, sich explosionsartig vermehrende Anhängerschaft, die sich jenseits des engen Zeitgeist-Spektrums entwickelt. Doch als Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Hewitt im Jahre 2004 die Wembley Arena ausverkauften, um in der Heimat ihre Singles-Compilation "Once More With Feeling" zu promoten und Robert Smith als special guest auf die Bühne baten, da war dieses Phänomen der Rockgeschichte nicht mehr geheim zu halten. Zehn Jahre lang hatten Placebo sich an den Status des Superstars herangeschlichen, und nun nahmen sie endlich ihren Platz auf dem Podest ein. "Es ist stetig gewachsen", erläutert Stefan. "Jedes Album lief ein bisschen besser als der Vorgänger, also war es für uns kein großer Schock. Wir haben in den Jahren unser Handwerk gelernt und auch live ist die Band gewachsen. Bei der letzten Tour waren fünf Musiker auf der Bühne, wodurch Brian und ich die Freiheit hatten, ein paar Showelemente einzubringen. Wir sind in diese Rollen hineingewachsen und fühlen uns wohl damit. Aber als wir 2004 in Wembley spielten, war das schon eine Genugtuung."
Der Aufstieg von Placebo ist geprägt von einem seltenen Hunger nach musikalischer Erneuerung, persönlichen Entdeckungen und nach Geschichten. Stück für Stück haben sie den androgynen Schock-Chic ihrer Anfänge von 1994 hinter sich gelassen und sich der krassen, reifen, direkteren Analyse menschlicher Abgründe gewidmet: den Perversionen, die wir voreinander verstecken, den Schmerzen und Erniedrigungen, die wir einander zufügen, den Abhängigkeiten, in die wir selbst uns begeben und - hin und wieder - den Hoffnungen, die wir uns allzu oft selbst verweigern. Auch auf dem musikalischen Feld haben sie wagemutige neue Schritte gemacht. Auf "Black Market Music" fanden Hip-Hop und Disco-Elemente ihren Weg in die Blaupause grüblerischer Rockmusik. Auf "Sleeping With Ghosts" experimentierten sie mit Elektronik, Loops und studiotechnischen Spielereien. Mutig wie sie sind, forderten sie ihr Publikum heraus, doch das Ergebnis war nur noch loyalere und größere Anhängerschaft von ihren Legionen smarter aber verletzter Rockfans, die zu Placebo-Konzerten kommen, um sich an den unerwarteten stilistischen Wendungen zu erfreuen. Das fünfte Studioalbum, "Meds", verspricht, ihr bislang größtes und überraschendstes Werk zu werden.
Geschrieben wurde "Meds" im Sommer 2004 in Südfrankreich, aufgenommen innerhalb von vier Monaten im Jahr 2005 in den Rak Studios mit dem relativ unbekannten französischen Produzenten Dimitri Tikovoi und abgemischt wurde es von dem legendären Flood (U2, Smashing Pumpkins). "Meds" ist Placebo entblößt. In der Überzeugung, dass sie ihre bislang stärksten Songs überhaupt geschrieben haben, "waren wir plötzlich in der Situation, dass wir zu viele Songs für dieses Album hatten", sagt Brian. "Sonst hat uns immer ein Song gefehlt, also ist die Messlatte für Qualität hier viel höher. Es gibt auf diesem Album mindestens fünf bis sechs potentielle Singles."
Sie erlaubten Tikovoi, den ursprünglich geplanten elektronischen Ansatz zu mindern, den sie eigentlich seit der Synthesizer-getränkten Single "Twenty Years" wieder verfolgt hatten. Nun also soll neben Gitarre, Bass und Schlagzeug die Genialität der Songs für sich selbst sprechen: In den Musikern von Placebo brennt noch das alte Feuer.
"Dimitris Idee bei diesem Album war, dass wir quasi wieder ein Debütalbum machen sollten.", erklärt Brian. "Er wollte uns aus unserer gemütlichen Ecke rausholen, uns herausfordern, Placebo wieder in gefährliche Gewässer treiben. Das Studio Rak ist wie ein Zeittunnel, es hat sich dort seit den 70ern oder 80ern nicht viel geändert. Bei den Aufnahmen fühlt man sich weniger wie in einem digitalen Raumschiff, sondern alles konzentriert sich auf die Performance. Also kehrten wir zu einem der Grundelemente von Placebo zurück. Wenn wir sonst vielleicht ein teures altes Keyboard benutzt hätten, haben wir diesmal einfach Klavier gespielt. Ich glaube, wir haben im Laufe der Zeit den Ruf gewonnen, ziemlich kompliziert zu sein. Wir haben also die Freiheit genossen, uns wieder mit ganz grundlegenden Dingen zu beschäftigen. Wir haben nun mehr Platz gelassen, damit das Songwriting noch durchschimmert, anstatt zu beweisen, wie geschickt wir sind und wie toll wir uns mit Studiotechnik auskennen. Unser Ziel war Einfachheit statt Elaboration."
Das Ergebnis ist nicht nur eine außergewöhnlich empfindsame Platte, sondern Placebos bislang menschlichster Wurf. Molko muss sich hier nicht mehr über abgedrehte Mode oder Sado-Maso-Spielereien definieren: Er ist erwachsen, schreibt fein geschliffene Geschichten und braucht kein Lexikon der Folterinstrumente, um die Missstände des Lebens anzuprangern. Hier finden wir Geschichten von zerbrechlichen Seelen, die durchdrehen, weil sie vergessen haben, ihre Medikamente zu nehmen ("Meds"), Scham und Schrecken, die sich nach einer Drogennacht morgens im Badezimmer spiegeln ("Cold Light Of Morning") oder "Freunde, die sich für einen extrem schlechten Lebensweg entscheiden" ("Song To Say Goodbye"). Dies sind feinfühlig gesponnene Geschichten von Verlust, Verwirrung, Rache, Liebe und Abhängigkeit. Man sollte meinen, dass Molko aus so etwas in der Zwischenzeit herausgewachsen ist.
"Ich weiß", lacht Brian. "Wahrscheinlich ist es so, dass man als Mitglied einer Rockband nicht so schnell erwachsen wird wie andere Leute, egal, was einem im Leben so passiert. Vielleicht ist es ja auch so, dass man den Konflikt so gewöhnt ist und eine Situation, wo jederzeit alles zusammenbrechen könnte, genau abschätzen kann, dass man die manchmal in seiner Umgebung heraufbeschwört, einfach, um sich noch lebendig zu fühlen. Auf dem Album hört man eine gehörige Portion Verwirrung und Verzweiflung - in Placeboworld sind die Dinge eben nicht so einfach. Ich finde, das Interessante an den Figuren in den Songs dieses Albums ist, dass sie alle irgendeinen Konflikt austragen, entweder geht es um sie selbst oder um ihren Platz in dieser Welt, oder um Abhängigkeiten von anderen Menschen oder Drogen."
Es gibt auch das etwas geheimnisvolle Stück "Space Monkey", das keiner in der Band erklären kann, aber das Stefan mit emotionaler Hochachtung erfüllt: "Ich höre mir das Lied an und kann mich nicht erinnern, es jemals gespielt oder aufgenommen zu haben. Es ist, als würde ich eine andere Band hören, und das Stück weckt in mir sehr starke Gefühle. Es ist das erste Mal, dass mir so etwas mit einem unserer Stücke passiert."
"Meds" ist also das beste Placebo-Album bislang, und es wird zweifellos ihr erfolgreichstes werden. Das höchst inspirierte Werk stellt außerdem den starken Einfluss von Placebo unter Beweis: VV von The Kills taucht als Gastmusiker auf und singt auf dem Titelsong des Albums, "Meds", und Bloc Party haben sich bereits an die Band gewandt, weil sie die erste UK-Singleveröffentlichung "Because I Want You" remixen möchten.
Dies ist ein weiterer abenteuerlicher Vorstoß ins Unbekannte, unternommen von einer Band, die das Unbekannte ihr Zuhause nennen könnte. Der Erfolg ist allein schon wegen der Unangepasstheit des Albums garantiert. Um ehrlich zu sein: Bei der großen weltweiten Anhängerschaft kann nichts mehr Placebo stoppen. Man sollte nicht vergessen, dass dies die Band ist, die im vergangenen Jahr nach Chile fuhr, um einige fast vergessene Konzerttermine wahrzunehmen und vor Ort feststellte, dass sie, ohne sich dessen gewahr zu sein, schon längst Lateinamerika erobert hatte.
"Unseren ersten Gig hatten wir in Chile, wo wir nie zuvor gewesen waren", erinnert sich Brian. "Wir dachten, wir hätten dort bestimmt nicht viele Alben verkauft. Tatsächlich aber spielten wir zwei ausverkaufte Konzerte in Hallen, wo 9000 Zuschauer reinpassen. Das war schon mal ein erstaunlicher Einstieg. Dann fuhren wir nach Buenos Aires und spielten vor 7000 Menschen. Danach hatten wir noch acht Konzerte in Brasilien und wurden überschwenglich empfangen. Dieser euphorische Empfang war überraschend und phantastisch. Was für eine tolle Sache das ist, dort drüben große Konzerte zu spielen! Da brummt es so richtig, die Leute sind so leidenschaftlich, wahrscheinlich ist das typisch für Lateinamerika. Morrissey ist in Mexiko ein Riesenstar und Placebo kommen dort auch gut an. In Brasilien sind The Cure die großen Helden, also mögen sie da drüben dieses düster Romantische, was uns ja auch mit The Cure verbindet."
"Es war schön, in ein Land zu fahren, das wir noch nie zuvor besucht hatten, und dort so großartig empfangen zu werden" bestätigt Steve. "Die Band spielte gut, etwas härter und zielstrebiger als auf unseren letzten Tourneen. Auf dem Rocklevel war es sozusagen noch drei Stufen höher."
Wenn die nun anstehende "Meds" Welttournee beendet ist, wird es keine weiteren Stufen auf dem Rocklevel mehr zu erklimmen geben. Placebo haben die Welt bereits erobert, und nun holen sie Dich. Da sollte man sich zugleich freuen und fürchten.
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Zieh das schwarze Netzhemd an, hol dir ein Glas Absinth und lass uns zur Einführung eine kleine Runde drehen. Hey, da drüben steht ja dein alter Kumpel Nancy Boy! Schau ihn dir an: Wie immer dieses eigenartige Rumgeschubse auf dem Weg zur Küche, überall stößt er dagegen. Hier das Wohnzimmer – ein paar Lohnsklaven sind gerade dabei, ihren Alltagsfrust abzureagieren. Alles okay. Jetzt aufgepasst! Stolpere nicht über den Typen, der auf der Treppe seinen Ecstasy-Rausch ausschläft. Im ersten Stock hängen noch so ein paar Gestalten rum, alle voll auf Droge und fertig mit der Welt. Ja, das ist schon ein verrückter Haufen hier – aber super nett, besser geht’s echt nicht! Jetzt noch ein paar Worte zur Musik: Mit der Beach Party aus „Total Live Request“ auf MTV hat das natürlich nichts zu tun! Eher eine schräge Mischung aus Adrenalin, Krankhaftigkeit, Depression und sexuellen Abnormitäten – ja, ja, das Sommerwetter hier in England… Trotzdem: So essentiell, mitreißend und erfrischend wie das hier war in den letzten zehn Jahren kaum ein anderer Sound! Noch etwas: Lass dich von dem Gekreische der 600.000 französischen Kids da draußen nicht irritieren, du gewöhnst dich schon daran. Los jetzt – es wird die geilste Party deines Lebens!
Bereit für ein paar Fakten? Gut, dann mach’s dir schon mal bequem, denn davon gibt’s viel mehr als du dachtest: Insgesamt 5 Millionen Mal gingen die bislang vier Placebo-Longplayer über den Tisch, das letztjährige Album „Sleeping With Ghosts“ allein 1,4 Millionen Mal. Ein weltweites Phänomen, denn „…Ghosts“ eroberte nicht nur in zwanzig Ländern die Top 10 (in England gelang es Placebo darüber hinaus, die „Brixton Academy“ dreimal bis auf den letzten Platz zu füllen – die Shows waren schneller ausverkauft als jeder andere Placebo-Gig auf britischem Boden je zuvor), in Belgien, Griechenland und Frankreich erreichte es sogar die Pole-Position! Das Verrückte: In Frankreich gelang dies erst im Juli 2004, also ganze 16 Monate nach der ersten Chart-Platzierung von „…Ghosts“ im Land der Trikolore, wo es auf Platz 2 debütiert hatte. Aber was heißt schon verrückt, wenn man bedenkt, dass Placebo in Frankreich ohnehin Superstar-Status genießen und dort vor 18.000 ausgeflippten Fans ihre bislang größte Hallen-Show spielten (absolutes Highlight: das Duett mit Pixies-Chef Frank Black auf „Where Is My Mind“ aus dem Repertoire eben jener Band). Nicht zu vergessen: Die bei diesem Konzert aufgenommene Live-DVD ist mit 200.000 verkauften Einheiten die erfolgreichste aus dem Hause VIRGIN überhaupt! Und der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass Placebo in Osteuropa als die neuen Depeche Mode gehandelt werden, dafür aber in Mexiko kaum noch irgendwo auftreten können – weil das Fassungsvermögen der Stadien dort einfach nicht mehr ausreicht…
Seien wir ehrlich: Würde man alle Mitglieder jener UK-Rockbands, die zurzeit höher im Kurs stehen als Placebo, auf ein Fußballfeld stellen, es käme wohl gerade mal ein Kick fünf gegen fünf zustande. Und vor dem Hintergrund, dass der 10. Geburtstag von Placebo kurz bevorsteht, kommen wir um eine Riesen-Fete eh nicht mehr herum!
„Es wird einfach immer besser und besser“, resümiert ein ob der Erfolgszahlen doch etwas überraschter Brian Molko. „Wenn man sich vorstellt, dass es ’English Summer Rain’ als vierte Singleauskopplung vom letzten Album in England immer noch auf Platz 23 geschafft hat – und das ohne jede Unterstützung von Radio One – dann beeindruckt mich das doch ganz schön. Es war einfach ein überragendes Jahr für uns, und wir sind stolz darauf, dass wir uns selbst immer treu geblieben sind. Wir haben uns nie verbiegen lassen! Okay, vielleicht wäre der Erfolg etwas schneller gekommen, wenn wir uns an die gängigen Spielregeln gehalten hätten, aber dann sähe es heute ganz anders mit uns aus. Wir wären einfach nicht mehr die, die wir sind.“
„Wenn ich mich allein an den Auftritt in Paris erinnere, wird mir immer noch schwindelig. Für unsere Nerven war das der reinste Horror – und das in dreifacher Hinsicht: Es war unser bislang größtes Konzert, es wurde für eine Live-DVD aufgezeichnet, und dann standen wir auch noch mit Frank Black, also einem unserer absoluten Helden auf der Bühne! Dass es wegen dem Mitschnitt nur so wimmelte vor Kameras, tat ein Übriges. Halte einer Band so ein Ding vor die Nase und du kannst förmlich spüren, wie die Anspannung steigt. Plötzlich macht man Fehler, die sonst nie passieren. Um ehrlich zu sein, haben wir uns damals die ganze Zeit auf den Moment gefreut, als die Show endlich zu Ende war!“
Doch zurück zum Band-Jubiläum. Fest steht natürlich, dass Kinderfotos für eine Geburtstagsparty unabdingbar sind – und davon gibt es auf „Once More With Feeling“ gleich 17 Stück. Musikalische Schnappschüsse also aus den frühen Tagen von Placebo, ihren so erfolgreichen Jugendjahren, eben aus jener Zeit, als es langsam aber stetig immer weiter aufwärts ging. Bei „Nancy Boy“ und „36 Degrees“ werden beispielsweise Erinnerungen wach an die BritPop-Ära, als Begriffe wie androgyn und hedonistisch bemüht wurden, um den Placebo-Hype irgendwie in Worte zu fassen. Weiter geht’s mit der dunklen Phase, als Molko & Co. ihre Leiden – wenn auch genüsslich – offenbarten und es ihnen mit dem Album „Without You I’m Nothing“ (1998) erstmals gelang, die Schallmauer von einer Million verkaufter Einheiten zu durchbrechen. Und wer denkt nicht gerne an den Titeltrack, den Placebo zusammen mit David Bowie neu einspielten, oder an das von Produzent Phil Vinall veredelte Stück „Pure Morning“. Dann das verblüffende Outing als Blondie-Fans in Form der Nummern „Special K“ oder „Slave To The Wage“ und schließlich das Hindriften zu experimentellen Elektro-Sounds der Marke „English Summer Rain“ und „The Bitter End“. Mit einer Spielzeit von mehr als 60 Minuten dokumentiert „Once More With Feeling“ vortrefflich die komplette Schaffensphase von Placebo.
„Diese Compilation lässt uns als Band an das zurückdenken, was wir in den zehn Jahren unseres Bestehens erreicht haben“, erklärt Brian Molko. „So etwas wie ein Erfolgsrezept oder eine stilistische Vorgabe hatten wir nie. Wer das Album von Anfang bis Ende durchhört, erlebt alle unsere Entwicklungsstufen und das Erwachsenwerden von Placebo. Ich finde es interessant und bemerkenswert, wie sehr wir uns innerhalb einer Dekade musikalisch verändert haben.“
Rein zufällig wenn auch passend ist dieses Album zudem eine Art Schlussstrich unter die Zusammenarbeit der Band mit dem Label „Hut“, die diese Jahr beendet wurde. Inzwischen zeichnet VIRGIN für alle Placebo-Veröffentlichungen weltweit verantwortlich. Brian Molko: „Auf der einen Seite bin ich traurig, weil uns die Leute bei ’Hut’ von Anfang an begleitet und unterstützt haben. Doch leider gehören eben auch solche Dinge zum Business, die nicht in unserer Hand liegen. Andrerseits freue ich mich einfach, weil es für uns ein Neuanfang ist!“
Selbstverständlich finden sich auf „Once More With Feeling“ auch ganz neue Songs der Band. Und siehe da: Placebo sind kaum wieder zu erkennen! Das erste Beispiel hierfür heißt „I Do“ – ein Song, für den die Band einmal mehr Phil Vinall als Produzenten gewinnen konnte und dem zwei Regeln zugrunde liegen. 1.) Keine Gitarren! 2.) Das Stück dauert maximal zweieinhalb Minuten! Das Resultat erinnert an Bands wie Neu! oder Laurie Anderson und geht als erstes glückliches Liebeslied in die Placebo-Annalen ein. Nein, so schwer es auch zu glauben sein mag, dem ist tatsächlich so.
Brian Molko erläutert: „Wir haben all die Jahre immer wieder mal mit dem Gedanken gespielt, so einen Song zu schreiben – jetzt ist es eben amtlich. Es ist uns vollkommen klar, dass ein glückliches Liebeslied die Placebo-Fans spalten könnte und es für viele ein echter Schock sein wird. Love it or hate it. Ich weiß zwar nicht, ob uns deshalb ein paar Leute den Rücken kehren werden, aber für eine Band wie diese gehört es einfach auch mal dazu, ein Risiko einzugehen. Der Song erzählt wie es ist, wenn man sich Hals über Kopf in jemanden verliebt und schildert die Erfahrungen, die man dabei so macht. Es geht um eine Liebe, die darin gipfelt, dass man schließlich so sein will wie sein Objekt der Begierde, weil man diese Person so unglaublich toll findet. Bezeichnen wir das Stück musikalisch ruhig als kaputt. Eigentlich kann so was gar nicht funktionieren, aber hier geht es eben doch. Der Song ist auf absurde Weise happy und hört sich an, als wäre er selbst auf Droge und seltsam high. Irgendwie würde ich es fast antidepressive Fahrstuhlmusik nennen. Es kommt mir so vor, als bräuchte man dafür ein Rezept.“
Furcht erregend! Dennoch sollten sich die Fans von „Without You I’m Nothing“ nicht allzu große Sorgen machen und noch einen Moment warten, ehe sie sich auf der Suche nach einer Ration Dark Vibes das neue Album von Rachel Stevens besorgen. Denn bei „Twenty Years“, dem zweiten neuen Song dieser Compilation, kann man ihn wieder spüren, den eisigen Klammergriff der Existenzangst – wie knöcherne Finger, die sich um die Seele dieses Stücks legen. Als Team hatten Brian Molko und Paul Campion, Sänger der AC Acoustics, nicht weniger als acht Jahre daran gearbeitet, und das Resultat klingt laut Brian „wie ein Essay zum Thema Sterblichkeit und Vergänglichkeit der Dinge. Es ist pure epische Melancholie!“ Na also! „Aber nicht wirklich unglücklich.“ Schade.
Die erste Textzeile des Songs, dem letzten auf „Once More With Feeling“, lautet „there are twenty years to go“ und versteht sich nicht nur als Message an alle Fans und Placebo-Hasser. Sie ist auch gegen den allgemeinen Trend gerichtet, dass die Veröffentlichung einer Singles-Compilation fast immer gleichbedeutend ist mit den „famous last words“ einer Band. Denn
davon sind Placebo weit entfernt. Zwar nehmen sie die Studioarbeiten an Album Nummer 5 erst nächstes Jahr in Angriff, doch dafür steigt das bevorstehende Jubiläums-Konzert genau dort, wo sich die Band – großes Ehrenwort – nie hinwagen wollte: In der „Wembley Arena“.
„Klar hatten wir fest ausgemacht, dass wir dort nie auftreten würden“, erklärt Brian, „aber wir wollten auch mal den Stinkefinger hochrecken und ’ätsch’ sagen. Auch das gehört zu einem Geburtstagsfest. Es wird ohnehin unser letztes Konzert bis 2006 sein. Wird sicher lustig…“
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