Radio 4 Biographie
Radio 4
RADIO 4:
Anthony Roman-vocals, bass
Tommy Williams-vocals, guitar
Greg Collins-drums
P.J. O'Connor-percussion
Gerard Garone-keyboards
Es gibt zur Zeit wieder so unglaublich viel gute Musik aus Amerika, es ist eine Wonne! Wenn wir uns kurz daran erinnern, womit CITY SLANG vor 12 Jahren mal angefangen hat: dem Wust aus Veröffentlichungen im US-Underground die Rosinen zu entziehen und nach Europa zu holen. Ganz ehrlich, im Moment gibt es dort so viel gute neue Bands wie seit langem nicht mehr, denn im Lande des korrupten texanischen Öl-Präsidenten tobt sich gerade eine neue Generation aus. Vermischt alles mögliche, trägt ihre Einflüsse stolz und hörbar laut vor sich her und schafft ganz viel Neues und Gutes dabei. Und zu den allerbesten gehören die hier: RADIO 4. Laut, gemein, harsch und agressiv. Poppig, zum Tanzen, groovy, klasse Songs. Rockig, punkig mit Meinung und Mitteilungsbedürfnis. Liest sich furchtbar, oder? Klingt aber super!
Es gibt bekanntlich nichts Langweiligeres als den Werdegang einer aufregenden Band in ein paar Worten auf Papier aufdröseln zu müssen. Machen wir es also kurz: Radio 4 existieren seit 1999. Beeinflusst von den späten 70er/frühen 80er Post-Punk-Szenen beiderseits des Atlantik. Erste EP für das Indie Label Gern Blandsten. In 2000 ein Debutalbum namens The New Song and Dance, ebenda. Viel Touren. Ganz viel Touren. Eine Single zur Überbrückung: Dance To The Underground. Ein zweites Album: Gotham! US-Veröffentlichung im April dieses Jahres. In Europa mahlen die Mühlen langsamer, dafür ist diese Platte besser. Dance To The Underground war nicht nur eine wegweisende Single für RADIO 4 zwischen zwei Alben. Es ist auch ein programmatischer Song und eine kleine Hymne an das, was sich gerade in USA abspielt: Die Rockbands fangen das Tanzen an. The Faint, The Rapture, Radio 4. Zu all denen kann man allemale seinen Booty shaken und zwar mit großem Spaß! Zeitgleich (also vorletztes Jahr) erlässt Rudolph-9/11-Giuliani in New York neue Gesetze, die das Tanzen in den Clubs der Stadt unter Strafe stellen (!). Kein Witz!!! Da erscheinen Songtitel wie Dance To The Underground, Save Our City, Calling All Enthusiasts oder New Disco natürlich in einem völlig neuen Licht. Zu diesem Thema gibt es Endloses zu erzählen und RADIO 4 tun dies in ihren Songs, aber auch in Interviews.
Gotham! wurde von der Band in einem Keller eingespielt, jedoch anders als The New Song and Dance gaben RADIO 4 die basic tracks des neuen Albums einem Produzenten-Team "to fuck with". Tim Goldsworthy und James Murphy. Zusammen heißen sie The DFA. Tim Goldsworthy war in frühen Tagen mal der Partner von James Lavelle bei UNKLE und Mo'Wax. Heute ist er ein Brite in New York. Mit James Murphy zusammen bringt er Brooklyn zum Tanzen. Auf DFA Records erscheinen haufenweise klasse Maxi Singles. Und als Produzenten arbeiteten The DFA mit Primal Scream, mit David Holmes, mit Bands wie Trans Am und BS 2000. Und jetzt haben sie ihren Teil dazu beigetragen, aus Gotham! das zu machen, was es ist: das jüngste, vielseitigste, frischeste und aufregendste Album aus New York und über New York seit Jahren. Dazu das amerikanisch Band Info: "Gotham's sound sweats out beats, squeaks, loops, keyboards and claps, all the while respecting the bands song craft. It's a record that you can dance to all the way through. Gotham's lyrics are an observation on the city of New York made by people who have lived there for a long time. Written and recorded before the tragic events of 9/11, the songs have a new sense of meaning in many places. It's an album that was made in NY, is about NY and sounds like New York." Besser konnten wir es auch nicht sagen. Wir genießen diese stürmischen Qualitäten, diese militanten Statements a la "Someone Needs To Start A Fire Here" und "Get Behind The Struggle Right Now!". Endlich wieder tritt Musik mit voller Wucht zu und macht dabei auch noch ansteckend Spaß!!!
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
"Do your life justice" - werde deinem Leben gerecht. So heißt es gegen Ende von ‚Nation', dem tonangebenden Song auf dem dritten Radio 4-Album Stealing Of A Nation. Ob wir diese Textzeile nun als Anspruch an unsere politischen Anführer oder als Mahnung an uns selbst interpretieren - der maßgebliche Punkt ist folgender: Radio 4 sind zielbewusst, und dieses Zielbewusstsein möchten sie mit uns teilen. Was ihnen mit Stealing Of A Nation, dem Nachfolger zu ihrem weithin gelobten Gotham! (2002), meisterlich gelingt.
Produziert von Max Heyes (Doves, Primal Scream) und aufgenommen in New York City, der Heimatstadt von Radio 4, ist Stealing Of A Nation ein Auralangriff mit vielen verschiedenen Zutaten, gebündelt mit stecknadelgleicher Präzision. Futuristische Dance-Beats paaren sich mit traditionellen Punk-Werten; Dub-Basslines kopulieren mit Techno-Keyboards und Funk-Gitarrenriffs; polyrhythmische Percussion-Breaks verschmelzen mit Akustikgitarren; und das Ergebnis klingt wie die natürlichste Sache der Welt. Vom düsteren, treibenden Groove der Leadsinlge ‚Party Crashers' bis hin zu den drum-losen, schwülen Atmosphären des abschließenden ‚Coming Up Empty' ist Stealing Of A Nation das Album, auf das Radio 4 seit ihrem ersten Zusammentreffen vor fünf Jahren hingearbeitet haben. Ihre Einflüsse werden heute eher dezent angedeutet als ostentativ betont. Radio 4 klingen wie ... na ja, eben wie Radio 4.
Damals befanden sich Anthony Roman (Bass, Leadvocals), Tommy Williams (Gitarre, Vocals) und Greg Collins (Drums) allesamt auf der Flucht vor der Hardcore-Szene von Long Island, wenig inspiriert vom seinerzeit aktuellen Indierock und zugleich eifrig darauf bedacht, ihren musikalischen Horizont zu erweitern. So erforschten sie die zuvor in dieser Form noch nie da gewesene experimentelle Ära, die direkt auf die Punkexplosion der späten Siebziger gefolgt war, und benannten ihre Band als Signal für ihre nach allen Seiten offene Herangehensweise nach einem Public Image-Song.
Roman erinnert sich daran, wie sie damals dachten: "'Lasst uns etwas spielen, das Rhythmus und Pulsschlag hat.' Zu der Zeit standen wir auf Gang Of Four, Wire und kratzige Gitarren. Wir wollten so minimalistisch wie möglich klingen und Musik machen, die nicht als Indierock aufgefasst werden konnte."
Dies gelang Radio 4 mit ihrem Debütalbum The New Song And Dance, von Tim O'Heir produziert und im Jahr 2000 von Gern Blandsten Records herausgebracht. Die Welt horchte zwar nicht sofort auf, aber das Trio hielt sich immer häufiger in den New Yorker Danceclubs auf, wo es andere Musiker, DJs, Promoter und Musikfans kennen lernte, die alle gleichermaßen frustriert waren von der aufgeblasenen Attitüde des Indierock und seiner Aversion gegenüber dem Groove. Roman eröffnete einen kleinen Plattenladen in Brooklyn (Somethin' Else), wo er Dub-Reggae, Post-Punk, die neusten britischen Bands und die aktuellen New Yorker Releases verkaufte. Gleich nebenan befand sich das Café eines ehemaligen Ska-Musikers mit einer Vorliebe für House und Techno. Als die Musik aus beiden Läden durch die dünnen Wände drang, vermischte sie sich zu einem neuen Sound - und entpuppte sich als echte Erleuchtung.
Radio 4s nächste Veröffentlichung, eine EP mit Namen Dance To The Underground, verband diese musikalischen und sozialen Einflüsse zu einem umwerfenden Effekt. Und die Kernaussage - dass Tanzen nämlich ebenfalls eine Form der Rebellion sein kann - machte durchaus Sinn für die Leute, die unter Bürgermeister Giulianis fin de siècle-Feldzug gegen die Clubszene litten. Tim Goldsworthy und James Murphy, inzwischen als Produktionsduo DFA zunehmend populär, wurden als Produzenten für das zweite Radio 4-Album engagiert.
Dieses zweite Album hieß Gotham! und wurde von allmusic.com treffend als "halb politische Kundgebung, halb Tanzparty" kategorisiert. Und doch war es noch viel mehr. Es war der Sound einer chaotischen Stadt am Beginn eines neuen Jahrhunderts. Und obwohl es während der Studioaufnahmen im Sommer 2001 natürlich keiner von ihnen ahnen konnte, war es gleichzeitig der Sound einer Stadt am Rande des Desasters.
Im Kielwasser des 11. September nahm alles an Gotham! - vom Albumtitel über Songs wie "Save Your City" und "Our Town" - eine völlig neue Bedeutung an. Was natürlich seinem grundsätzlichen Reiz als wütendes Rockalbum, das keine Berührungsängste mit dem Groove hat, keinen Abbruch tat. Aus dieser Sicht betrachtet, war das Timing ideal. Als die Wirtschaft der Stadt zusammenbrach, verschwanden die dot.commer aus den Bars und Clubs und eine neue Generation von Musikern tauchte auf: The Rapture, Interpol, !!!, The Strokes, Outhud, Ted Leo, Le Tigre, The Rogers Sisters ... und Radio 4 haben keinerlei Problem damit, ihren Kollegen die Stange zu halten. "Die meisten meiner derzeitigen Lieblingsbands stammen aus New York", verkündet Roman. "Wir kommen aus einer Gemeinschaft von Bands, und das ist etwas, auf das man stolz sein kann."
Gotham! erschien in Europa bei City Slang, und die Gruppe, die endlich ihr Livepotenzial erkannt hatte, tourte gemeinsam mit den Neuzugängen P.J. O'Connor an den Percussion-Instrumenten und Gerard Garone an den Keyboards unermüdlich über das europäische Festland, trat bei großen Festivals und in winzigen Clubs auf und wurde überall gefeiert.
"Das war eine spannende Zeit für uns, denn auf einmal erkannten wir: Diese Leute tanzen zu dem, was wir spielen, und hören auf unsere Texte." ‚Dance To The Underground' wurde im UK noch einmal mit neuen Remixen veröffentlicht und mauserte sich zur Clubhymne; in den Staaten unterschrieben Radio 4 bei Astralwerks und konnten ähnliche Erfolge mit ihrer Electrify-Remix-EP verbuchen. Schließlich wurde ‚Dance To The Underground' sogar in einem Mitsubishi-TV-Spot verwendet.
Während ihnen ihr guter Ruf in Europa bereits vorauseilte, mussten Radio 4 immer wieder feststellen, dass sie sich als Amerikaner zu einem besonders prekären Zeitpunkt der Weltgeschichte häufig wegen ihrer nationalen Herkunft rechtfertigen mussten. Einmal traten sie zu einem ausverkauften Gig in Hamburg an, um an der Eingangstür vor einem Schild mit der Aufschrift "No Americans allowed" zu stehen (auftreten durften sie dann allerdings trotzdem). Als es Zeit wurde, Material für das neue Album zu schreiben, hielt die Gruppe, die sich ursprünglich auf ihre Heimatstadt konzentriert hatte, es für notwendig, ihr Geburtsland dieses Mal direkt anzusprechen.
Der Titel Stealing Of A Nation ist ein starkes Statement, von dem Roman zugibt, dass es auf den Diebstahl bei der Wahl im Jahr 2000, die Irak-Invasion oder die gegenwärtige Leugnung sämtlicher positiver amerikanischer Werte durch die Regierung gemünzt sein könnte. Gleichzeitig nimmt es Bezug auf einen Reggae-Song aus dem Jahr 1979, namentlich Jacob Millers ‚Healing Of A Nation'. Seit ihre Begeisterung für The Clash erwachte, ist "Reggae eine Musik, mit der ich mich immer beschäftigt habe und die zu einer Konstanten in meinem Leben geworden ist", erklärt Roman. "Die Musik, die ich wahrscheinlich am meisten höre." Und dieser Reggae-Einfluss trägt dazu bei, dass sich die Band von anderen Acts abhebt: So überrascht ‚Nation' mit einer furiosen Dub-Bassline, mahlenden atmosphärischen Texturen und einem beeindruckenden Vocal, der jeden erstaunt, der sich eingebildet hatte, den Sound von Radio 4 zu kennen.
Aber zurück zum Inhalt. "Alles ist komplexer geworden", findet Roman, der sorgsam darauf bedacht ist, in den einzelnen Songs keine Namen zu nennen. "Bei vielen Themen gibt es weder Richtig noch Falsch. Man durchläuft Phasen, in denen man sich fast dafür entschuldigen möchte, Amerikaner zu sein, obwohl man auf diese Dinge überhaupt keinen Einfluss hat. ‚Nation' handelt von diesem Gefühl."
Bei ‚State Of Alert' geht es um "die Panik, die Menschen [seit dem 11. September] empfinden, sobald das Licht ausgeht", während ‚No Reaction' die Vorstellung vom apathischen Amerikaner in Frage stellt. "Ich glaube, die Menschen sind besorgter als je zuvor - es hört ihnen nur niemand zu. Und das erweckt den Eindruck, als ob es ihnen egal wäre."
Dass ihnen etwas egal ist, kann man Radio 4 beim besten Willen nicht vorwerfen. ‚Party Crashers', der natürliche nächste Schritt in der Entwicklung der Band seit Gotham!, "handelt von der New Yorker Szene und dem was passiert, wenn jemand versucht, den Spaß auszuschalten", erläutert Roman, wobei das Stück selbst so markant ist, dass es sowohl erste Single wie Leadsong wurde. Direkt darauf folgt ‚Transmission', eine pulsierende Zelebration der "digital recording heroes", wie der Refrain sie nennt: "Leute wie The Streets, Audio Bullys und Dizzee Rascal, diese Kids, die in ihren Schlafzimmern unglaublich brillante Momentaufnahmen aus dem Leben einer Person produzieren."
Aber, wie Roman bereitwillig zugibt, "nicht alles hat eine bedeutende politische Botschaft und nicht alles ist für die Tanzfläche gedacht. Ich sitze nicht nur herum und höre mir Reggae- und House-Platten an, ich höre eine Menge Songwriter. Die Replacements zählen zu meinen Lieblingsbands." Und so geriet ‚Absolute Affirmation' zu einer geradlinigen Nummer voller Brooklyn-Bezüge, hervorragend für den weltweiten Genuss geeignet: Die Spannung eines nahenden Samstagabends, die Haltlosigkeit, die häufig damit einher geht, und die Reue am nächsten Morgen, die typischerweise folgt.
Dies alles mag wie eine natürliche Weiterentwicklung von Gotham! scheinen. Bis man sich die Alben nacheinander anhört. Dann klingt Stealing Of A Nation nämlich plötzlich wie ein Quantensprung. Zum Teil ist dies Produzent Max Heyes zu verdanken, einem leidenschaftlichen Fan der Band, der sich bemüht hat, die Melodien in den Vordergrund zu stellen, die Vocals zu bereinigen und die Grooves weiter zu akzentuieren. Der Einfluss von O'Connor und Garone bei ihrem ersten Studioeinsatz ist ebenfalls nicht zu unterschätzen: Wer die Percussion-Breaks und die Stereo-Synth-Parts von ‚No Reaction' hört, fragt sich unweigerlich, wie Radio 4 je ohne die beiden zurechtgekommen sind. Außerdem hat sich die Einstellung der Musiker zu ihren Kompositionen geändert: Nachdem sie jahrelang im Proberaum geschrieben haben, brachten Roman und Williams zum ersten Mal Demos von zu Hause mit, ermöglichten den anderen Bandmitgliedern so, ihren Input einzubringen, und gaben den Songs den notwendigen Raum zum Atmen.
Einige Dinge sind jedoch unverändert geblieben. Radio 4-Alben werden nach wie vor in New York aufgenommen, Familie und Freunde sind eingeladen, vorbeizuschauen und ihre Kommentare beizusteuern. Für Stealing Of A Nation sicherte sich die Band ein Studio in Brooklyn, ein paar Meter unter der Erde in einer umgebauten Lagerhalle gelegen, das ihnen sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag zur Verfügung stand, also konnten sie aufnehmen, ohne auf die Uhr zu schauen und wann immer die Muse sie küsste. "So gefällt es uns", sagt Roman. "Eine Gruppe von Leuten sitzt herum, trinkt Bier, diskutiert über Ideen. Das ist unser Arbeitsstil." Denn trotz ihres Zielbewusstseins geht es bei Radio 4 in erster Linie darum, Spaß zu haben. "Wir sind keine Hochdruck-Band. Wir zwingen uns nicht dazu, zu schreiben oder aufzunehmen. Wenn wir so arbeiten wollten, hätten wir uns genauso gut einen ganz normalen Job suchen können." Womit wir wieder bei der ursprünglichen Prämisse wären: Do your life justice!
Anthony Roman-vocals, bass
Tommy Williams-vocals, guitar
Greg Collins-drums
P.J. O'Connor-percussion
Gerard Garone-keyboards
Es gibt zur Zeit wieder so unglaublich viel gute Musik aus Amerika, es ist eine Wonne! Wenn wir uns kurz daran erinnern, womit CITY SLANG vor 12 Jahren mal angefangen hat: dem Wust aus Veröffentlichungen im US-Underground die Rosinen zu entziehen und nach Europa zu holen. Ganz ehrlich, im Moment gibt es dort so viel gute neue Bands wie seit langem nicht mehr, denn im Lande des korrupten texanischen Öl-Präsidenten tobt sich gerade eine neue Generation aus. Vermischt alles mögliche, trägt ihre Einflüsse stolz und hörbar laut vor sich her und schafft ganz viel Neues und Gutes dabei. Und zu den allerbesten gehören die hier: RADIO 4. Laut, gemein, harsch und agressiv. Poppig, zum Tanzen, groovy, klasse Songs. Rockig, punkig mit Meinung und Mitteilungsbedürfnis. Liest sich furchtbar, oder? Klingt aber super!
Es gibt bekanntlich nichts Langweiligeres als den Werdegang einer aufregenden Band in ein paar Worten auf Papier aufdröseln zu müssen. Machen wir es also kurz: Radio 4 existieren seit 1999. Beeinflusst von den späten 70er/frühen 80er Post-Punk-Szenen beiderseits des Atlantik. Erste EP für das Indie Label Gern Blandsten. In 2000 ein Debutalbum namens The New Song and Dance, ebenda. Viel Touren. Ganz viel Touren. Eine Single zur Überbrückung: Dance To The Underground. Ein zweites Album: Gotham! US-Veröffentlichung im April dieses Jahres. In Europa mahlen die Mühlen langsamer, dafür ist diese Platte besser. Dance To The Underground war nicht nur eine wegweisende Single für RADIO 4 zwischen zwei Alben. Es ist auch ein programmatischer Song und eine kleine Hymne an das, was sich gerade in USA abspielt: Die Rockbands fangen das Tanzen an. The Faint, The Rapture, Radio 4. Zu all denen kann man allemale seinen Booty shaken und zwar mit großem Spaß! Zeitgleich (also vorletztes Jahr) erlässt Rudolph-9/11-Giuliani in New York neue Gesetze, die das Tanzen in den Clubs der Stadt unter Strafe stellen (!). Kein Witz!!! Da erscheinen Songtitel wie Dance To The Underground, Save Our City, Calling All Enthusiasts oder New Disco natürlich in einem völlig neuen Licht. Zu diesem Thema gibt es Endloses zu erzählen und RADIO 4 tun dies in ihren Songs, aber auch in Interviews.
Gotham! wurde von der Band in einem Keller eingespielt, jedoch anders als The New Song and Dance gaben RADIO 4 die basic tracks des neuen Albums einem Produzenten-Team "to fuck with". Tim Goldsworthy und James Murphy. Zusammen heißen sie The DFA. Tim Goldsworthy war in frühen Tagen mal der Partner von James Lavelle bei UNKLE und Mo'Wax. Heute ist er ein Brite in New York. Mit James Murphy zusammen bringt er Brooklyn zum Tanzen. Auf DFA Records erscheinen haufenweise klasse Maxi Singles. Und als Produzenten arbeiteten The DFA mit Primal Scream, mit David Holmes, mit Bands wie Trans Am und BS 2000. Und jetzt haben sie ihren Teil dazu beigetragen, aus Gotham! das zu machen, was es ist: das jüngste, vielseitigste, frischeste und aufregendste Album aus New York und über New York seit Jahren. Dazu das amerikanisch Band Info: "Gotham's sound sweats out beats, squeaks, loops, keyboards and claps, all the while respecting the bands song craft. It's a record that you can dance to all the way through. Gotham's lyrics are an observation on the city of New York made by people who have lived there for a long time. Written and recorded before the tragic events of 9/11, the songs have a new sense of meaning in many places. It's an album that was made in NY, is about NY and sounds like New York." Besser konnten wir es auch nicht sagen. Wir genießen diese stürmischen Qualitäten, diese militanten Statements a la "Someone Needs To Start A Fire Here" und "Get Behind The Struggle Right Now!". Endlich wieder tritt Musik mit voller Wucht zu und macht dabei auch noch ansteckend Spaß!!!
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
"Do your life justice" - werde deinem Leben gerecht. So heißt es gegen Ende von ‚Nation', dem tonangebenden Song auf dem dritten Radio 4-Album Stealing Of A Nation. Ob wir diese Textzeile nun als Anspruch an unsere politischen Anführer oder als Mahnung an uns selbst interpretieren - der maßgebliche Punkt ist folgender: Radio 4 sind zielbewusst, und dieses Zielbewusstsein möchten sie mit uns teilen. Was ihnen mit Stealing Of A Nation, dem Nachfolger zu ihrem weithin gelobten Gotham! (2002), meisterlich gelingt.
Produziert von Max Heyes (Doves, Primal Scream) und aufgenommen in New York City, der Heimatstadt von Radio 4, ist Stealing Of A Nation ein Auralangriff mit vielen verschiedenen Zutaten, gebündelt mit stecknadelgleicher Präzision. Futuristische Dance-Beats paaren sich mit traditionellen Punk-Werten; Dub-Basslines kopulieren mit Techno-Keyboards und Funk-Gitarrenriffs; polyrhythmische Percussion-Breaks verschmelzen mit Akustikgitarren; und das Ergebnis klingt wie die natürlichste Sache der Welt. Vom düsteren, treibenden Groove der Leadsinlge ‚Party Crashers' bis hin zu den drum-losen, schwülen Atmosphären des abschließenden ‚Coming Up Empty' ist Stealing Of A Nation das Album, auf das Radio 4 seit ihrem ersten Zusammentreffen vor fünf Jahren hingearbeitet haben. Ihre Einflüsse werden heute eher dezent angedeutet als ostentativ betont. Radio 4 klingen wie ... na ja, eben wie Radio 4.
Damals befanden sich Anthony Roman (Bass, Leadvocals), Tommy Williams (Gitarre, Vocals) und Greg Collins (Drums) allesamt auf der Flucht vor der Hardcore-Szene von Long Island, wenig inspiriert vom seinerzeit aktuellen Indierock und zugleich eifrig darauf bedacht, ihren musikalischen Horizont zu erweitern. So erforschten sie die zuvor in dieser Form noch nie da gewesene experimentelle Ära, die direkt auf die Punkexplosion der späten Siebziger gefolgt war, und benannten ihre Band als Signal für ihre nach allen Seiten offene Herangehensweise nach einem Public Image-Song.
Roman erinnert sich daran, wie sie damals dachten: "'Lasst uns etwas spielen, das Rhythmus und Pulsschlag hat.' Zu der Zeit standen wir auf Gang Of Four, Wire und kratzige Gitarren. Wir wollten so minimalistisch wie möglich klingen und Musik machen, die nicht als Indierock aufgefasst werden konnte."
Dies gelang Radio 4 mit ihrem Debütalbum The New Song And Dance, von Tim O'Heir produziert und im Jahr 2000 von Gern Blandsten Records herausgebracht. Die Welt horchte zwar nicht sofort auf, aber das Trio hielt sich immer häufiger in den New Yorker Danceclubs auf, wo es andere Musiker, DJs, Promoter und Musikfans kennen lernte, die alle gleichermaßen frustriert waren von der aufgeblasenen Attitüde des Indierock und seiner Aversion gegenüber dem Groove. Roman eröffnete einen kleinen Plattenladen in Brooklyn (Somethin' Else), wo er Dub-Reggae, Post-Punk, die neusten britischen Bands und die aktuellen New Yorker Releases verkaufte. Gleich nebenan befand sich das Café eines ehemaligen Ska-Musikers mit einer Vorliebe für House und Techno. Als die Musik aus beiden Läden durch die dünnen Wände drang, vermischte sie sich zu einem neuen Sound - und entpuppte sich als echte Erleuchtung.
Radio 4s nächste Veröffentlichung, eine EP mit Namen Dance To The Underground, verband diese musikalischen und sozialen Einflüsse zu einem umwerfenden Effekt. Und die Kernaussage - dass Tanzen nämlich ebenfalls eine Form der Rebellion sein kann - machte durchaus Sinn für die Leute, die unter Bürgermeister Giulianis fin de siècle-Feldzug gegen die Clubszene litten. Tim Goldsworthy und James Murphy, inzwischen als Produktionsduo DFA zunehmend populär, wurden als Produzenten für das zweite Radio 4-Album engagiert.
Dieses zweite Album hieß Gotham! und wurde von allmusic.com treffend als "halb politische Kundgebung, halb Tanzparty" kategorisiert. Und doch war es noch viel mehr. Es war der Sound einer chaotischen Stadt am Beginn eines neuen Jahrhunderts. Und obwohl es während der Studioaufnahmen im Sommer 2001 natürlich keiner von ihnen ahnen konnte, war es gleichzeitig der Sound einer Stadt am Rande des Desasters.
Im Kielwasser des 11. September nahm alles an Gotham! - vom Albumtitel über Songs wie "Save Your City" und "Our Town" - eine völlig neue Bedeutung an. Was natürlich seinem grundsätzlichen Reiz als wütendes Rockalbum, das keine Berührungsängste mit dem Groove hat, keinen Abbruch tat. Aus dieser Sicht betrachtet, war das Timing ideal. Als die Wirtschaft der Stadt zusammenbrach, verschwanden die dot.commer aus den Bars und Clubs und eine neue Generation von Musikern tauchte auf: The Rapture, Interpol, !!!, The Strokes, Outhud, Ted Leo, Le Tigre, The Rogers Sisters ... und Radio 4 haben keinerlei Problem damit, ihren Kollegen die Stange zu halten. "Die meisten meiner derzeitigen Lieblingsbands stammen aus New York", verkündet Roman. "Wir kommen aus einer Gemeinschaft von Bands, und das ist etwas, auf das man stolz sein kann."
Gotham! erschien in Europa bei City Slang, und die Gruppe, die endlich ihr Livepotenzial erkannt hatte, tourte gemeinsam mit den Neuzugängen P.J. O'Connor an den Percussion-Instrumenten und Gerard Garone an den Keyboards unermüdlich über das europäische Festland, trat bei großen Festivals und in winzigen Clubs auf und wurde überall gefeiert.
"Das war eine spannende Zeit für uns, denn auf einmal erkannten wir: Diese Leute tanzen zu dem, was wir spielen, und hören auf unsere Texte." ‚Dance To The Underground' wurde im UK noch einmal mit neuen Remixen veröffentlicht und mauserte sich zur Clubhymne; in den Staaten unterschrieben Radio 4 bei Astralwerks und konnten ähnliche Erfolge mit ihrer Electrify-Remix-EP verbuchen. Schließlich wurde ‚Dance To The Underground' sogar in einem Mitsubishi-TV-Spot verwendet.
Während ihnen ihr guter Ruf in Europa bereits vorauseilte, mussten Radio 4 immer wieder feststellen, dass sie sich als Amerikaner zu einem besonders prekären Zeitpunkt der Weltgeschichte häufig wegen ihrer nationalen Herkunft rechtfertigen mussten. Einmal traten sie zu einem ausverkauften Gig in Hamburg an, um an der Eingangstür vor einem Schild mit der Aufschrift "No Americans allowed" zu stehen (auftreten durften sie dann allerdings trotzdem). Als es Zeit wurde, Material für das neue Album zu schreiben, hielt die Gruppe, die sich ursprünglich auf ihre Heimatstadt konzentriert hatte, es für notwendig, ihr Geburtsland dieses Mal direkt anzusprechen.
Der Titel Stealing Of A Nation ist ein starkes Statement, von dem Roman zugibt, dass es auf den Diebstahl bei der Wahl im Jahr 2000, die Irak-Invasion oder die gegenwärtige Leugnung sämtlicher positiver amerikanischer Werte durch die Regierung gemünzt sein könnte. Gleichzeitig nimmt es Bezug auf einen Reggae-Song aus dem Jahr 1979, namentlich Jacob Millers ‚Healing Of A Nation'. Seit ihre Begeisterung für The Clash erwachte, ist "Reggae eine Musik, mit der ich mich immer beschäftigt habe und die zu einer Konstanten in meinem Leben geworden ist", erklärt Roman. "Die Musik, die ich wahrscheinlich am meisten höre." Und dieser Reggae-Einfluss trägt dazu bei, dass sich die Band von anderen Acts abhebt: So überrascht ‚Nation' mit einer furiosen Dub-Bassline, mahlenden atmosphärischen Texturen und einem beeindruckenden Vocal, der jeden erstaunt, der sich eingebildet hatte, den Sound von Radio 4 zu kennen.
Aber zurück zum Inhalt. "Alles ist komplexer geworden", findet Roman, der sorgsam darauf bedacht ist, in den einzelnen Songs keine Namen zu nennen. "Bei vielen Themen gibt es weder Richtig noch Falsch. Man durchläuft Phasen, in denen man sich fast dafür entschuldigen möchte, Amerikaner zu sein, obwohl man auf diese Dinge überhaupt keinen Einfluss hat. ‚Nation' handelt von diesem Gefühl."
Bei ‚State Of Alert' geht es um "die Panik, die Menschen [seit dem 11. September] empfinden, sobald das Licht ausgeht", während ‚No Reaction' die Vorstellung vom apathischen Amerikaner in Frage stellt. "Ich glaube, die Menschen sind besorgter als je zuvor - es hört ihnen nur niemand zu. Und das erweckt den Eindruck, als ob es ihnen egal wäre."
Dass ihnen etwas egal ist, kann man Radio 4 beim besten Willen nicht vorwerfen. ‚Party Crashers', der natürliche nächste Schritt in der Entwicklung der Band seit Gotham!, "handelt von der New Yorker Szene und dem was passiert, wenn jemand versucht, den Spaß auszuschalten", erläutert Roman, wobei das Stück selbst so markant ist, dass es sowohl erste Single wie Leadsong wurde. Direkt darauf folgt ‚Transmission', eine pulsierende Zelebration der "digital recording heroes", wie der Refrain sie nennt: "Leute wie The Streets, Audio Bullys und Dizzee Rascal, diese Kids, die in ihren Schlafzimmern unglaublich brillante Momentaufnahmen aus dem Leben einer Person produzieren."
Aber, wie Roman bereitwillig zugibt, "nicht alles hat eine bedeutende politische Botschaft und nicht alles ist für die Tanzfläche gedacht. Ich sitze nicht nur herum und höre mir Reggae- und House-Platten an, ich höre eine Menge Songwriter. Die Replacements zählen zu meinen Lieblingsbands." Und so geriet ‚Absolute Affirmation' zu einer geradlinigen Nummer voller Brooklyn-Bezüge, hervorragend für den weltweiten Genuss geeignet: Die Spannung eines nahenden Samstagabends, die Haltlosigkeit, die häufig damit einher geht, und die Reue am nächsten Morgen, die typischerweise folgt.
Dies alles mag wie eine natürliche Weiterentwicklung von Gotham! scheinen. Bis man sich die Alben nacheinander anhört. Dann klingt Stealing Of A Nation nämlich plötzlich wie ein Quantensprung. Zum Teil ist dies Produzent Max Heyes zu verdanken, einem leidenschaftlichen Fan der Band, der sich bemüht hat, die Melodien in den Vordergrund zu stellen, die Vocals zu bereinigen und die Grooves weiter zu akzentuieren. Der Einfluss von O'Connor und Garone bei ihrem ersten Studioeinsatz ist ebenfalls nicht zu unterschätzen: Wer die Percussion-Breaks und die Stereo-Synth-Parts von ‚No Reaction' hört, fragt sich unweigerlich, wie Radio 4 je ohne die beiden zurechtgekommen sind. Außerdem hat sich die Einstellung der Musiker zu ihren Kompositionen geändert: Nachdem sie jahrelang im Proberaum geschrieben haben, brachten Roman und Williams zum ersten Mal Demos von zu Hause mit, ermöglichten den anderen Bandmitgliedern so, ihren Input einzubringen, und gaben den Songs den notwendigen Raum zum Atmen.
Einige Dinge sind jedoch unverändert geblieben. Radio 4-Alben werden nach wie vor in New York aufgenommen, Familie und Freunde sind eingeladen, vorbeizuschauen und ihre Kommentare beizusteuern. Für Stealing Of A Nation sicherte sich die Band ein Studio in Brooklyn, ein paar Meter unter der Erde in einer umgebauten Lagerhalle gelegen, das ihnen sieben Tage in der Woche, 24 Stunden am Tag zur Verfügung stand, also konnten sie aufnehmen, ohne auf die Uhr zu schauen und wann immer die Muse sie küsste. "So gefällt es uns", sagt Roman. "Eine Gruppe von Leuten sitzt herum, trinkt Bier, diskutiert über Ideen. Das ist unser Arbeitsstil." Denn trotz ihres Zielbewusstseins geht es bei Radio 4 in erster Linie darum, Spaß zu haben. "Wir sind keine Hochdruck-Band. Wir zwingen uns nicht dazu, zu schreiben oder aufzunehmen. Wenn wir so arbeiten wollten, hätten wir uns genauso gut einen ganz normalen Job suchen können." Womit wir wieder bei der ursprünglichen Prämisse wären: Do your life justice!




