Richard Hawley Biographie
Richard Hawley
Heute besteht bekanntlich keinerlei Mangel an Gruppen von ernsthaften jungen Männern, die uns ihre Vorstellung von den Höhen und Tiefen ihrer Emotionen nahe bringen möchten. Es gab jedoch Zeiten, als nur jene, die sich das Recht, von Liebe, Verlust und Sehnsucht zu singen, redlich verdient hatten, derartige Vertraulichkeiten mit uns teilen - echte Sänger eben vom Kaliber eines Scott Walker, Roy Orbison, oder auch Nancys altem Herrn, The Chairman himself.
Richard Hawley versteht das. Der zurzeit vielleicht beste Songwriter Englands betont, dass er keineswegs nur voller "konfuser Gedanken und Guiness" ist, denn wenn er singt, tut er dies mit jener tiefen Stimme, die nicht lügen kann. Seine erlösenden, weisen Lieder erzählen von der Wahrheit des Herzens, wie man sie in der Dunkelheit im Schein des Mondlichts erkennt. Schließlich ist er ein hoffnungsloser Romantiker, den einst bei seiner Heimkehr aus Amerika der Anblick einer Flasche Henderson's Relish auf dem Küchentisch in Tränen ausbrechen ließ.
COLES CORNER, Richards erste Albumveröffentlichung bei Mute, erscheint am 5. September 2005. Während seine ersten beiden Alben Late Night Final (2001) und Lowedges (2003) - erschienen bei Setanta, bekannt vor allem durch The Devine Comedy - erstaunliche Höhen von Eleganz und emotionaler Offenheit erklommen, ist sein aktuelles Werk wahrscheinlich sein bis dato bestes und vereinigt in Songs, die abwechselnd intim und erhebend klingen, orchestrale Pracht mit erdigem Rock'n'Roll.
Lassen wir uns also von ihm entführen, wenn er uns an den Ozean mitnimmt, das geheime Innenleben eines Hotelzimmers enthüllt oder die verführerische Weite der Landstraße beschreibt. So zum Beispiel der orchestrale Titeltrack, in dem der Erzähler nachts durch die Stadt läuft und hofft: "Maybe there's someone waiting for me / With a smile and a flower in her hair." Diese glühende Momentaufnahme von jener Ambivalenz, die auch Petula Clarks Downtown prägt, ist ein verheißungsvoller Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Im Gegensatz dazu ist Born Under A Bad Sign ein treibendes Country-Bekenntnis für Glockenspiel und Gitarre, das sich langsam um Autobiographie und universelle Erfahrungen bewegt: "What are you like? / You've had a right life / Taken a long ride / But oh, at what cost?"
"Jedes Mal, wenn ich die orchestralen Elemente vorantrieb, dachte ich an das Sun-Studio - ein Mikro, eine Gitarre", erklärt Hawley dieses Nebeneinander von urbanen und ländlichen Einflüssen. "Für mich ist das alles gleichermaßen Rootsmusic, trotz der Streichinstrumente. Ich wollte beweisen, dass beides zusammen funktionieren kann. Dieses Album klingt sehr flüssig und drückt meine Gefühle ehrlich aus. Und wenn jemand die Wahrheit sagt, egal wie hässlich sie auch sein mag, ist das zwangsläufig schön."
Die Aufnahmen fanden im Yellowarch-Studio in Sheffield statt, Hawley und Colin Elliott zeichnen gemeinsam für die Produktion verantwortlich.
Bemerkenswerterweise kam Hawley die Inspiration zu einigen Songs auf dem Album gleich in ihrer endgültigen Form. "Last Orders schrieb ich im Taxi auf dem Weg zum Studio", bestätigt er, offenbar selbst ein wenig überrascht. "An dem Tag litt ich unter einem schrecklichen Kater und hatte diese Melodie im Kopf, also marschierte ich ins Studio und sagte: ‚Schließt ein Mikro an den Flügel an und klopft mir auf die Schulter, wenn die Aufnahme beginnt.' Das Stück war beim ersten Versuch im Kasten. Bei Wading Through The Water trugen wir alle Overalls, weil wir die Studiowände verputzten. Ich hatte mir gerade den Putz von den Händen abgewaschen ... auch der Song klappte beim ersten Anlauf, also gingen wir wieder nach unten und verputzten weiter."
Im Laufe seiner Karriere, die 1981 mit Rythm'n'Blues in deutschen Bierkneipen begann, ist Hawley harte Arbeit nie fremd gewesen. In seinem musikalischen Vorleben spielte er bei den Indie-Helden Treebound Story Gitarre. Später ging er zu den Longpigs und 1998 als Gitarrist zu Pulp, denn, wie Hawley sagt: "Ich war der gewöhnlichste Mensch, den sie kannten." Seine Sololaufbahn nahm 2001 mit einem selbst betitelten Minialbum ihren Anfang. In jüngerer Zeit produzierte er Stücke für Nancy Sinatra, die ihn 2005 auf ihre Europa-Tour mitnahm, war mit seinem Kumpel Jarvis Cocker unterwegs und ist mit der Rockabilly-Band Feral Cats aufgetreten; außerdem zog er sich eine schwere Rippenfellentzündung zu.
Irgendwann folgte die Erkenntnis, dass die Musik, die er schon immer geliebt hat - sei es Fats Domino, Bo Diddley, Hank Williams, Johnny Cash, Little Walter oder andere Giganten aus der Vergangenheit - seine Rettung war. "Ich habe viel erlebt, aber ich bin nicht zynisch", erklärt er. "Ich habe einiges durchgemacht, und ich habe es überstanden. An den Kater danach denke ich nicht, nur an die Party. Denn in einem schönen Album liegt immer Hoffnung. Ich habe gerade ein paar harte Jahre hinter mich gebracht. Verschiedene Menschen, die mir sehr nahe stehen, sind krank geworden. Es kam mir schon so vor, als ob mir jedes Telefonklingeln mitteilen wollte, dass wieder jemand an Krebs erkrankt war. Als ich dann anfing, diese Platte aufzunehmen, kamen plötzlich Anrufe, dass es diesen Menschen wieder besser ging. Jetzt bin ich sehr optimistisch und kann beinahe glauben, dass ich tatsächlich ein paar Platten verkaufen werde und es wirklich Menschen gibt, die sich meine eigenartige Musik anhören."
Wie so häufig kann man auch in Hawleys Fall den Eltern die Schuld an seiner Eigenartigkeit geben. Als Sohn eines Gene Vincent-besessenen Stahlwerkers aus Sheffield wuchs er mit dem Rock'n'Roll auf - die Mutter sang auf der Hintertreppe des Sheffielder Rathauses mit den Everly Brothers, und später brachte ihm sein Vater das Gitarrespielen bei. Tatsächlich hat sein Vater Dave sogar mal mit Eddie Cochran gespielt und erinnert sich an eine Geschichte, als der unglückselige Rocker um drei Uhr morgens mit einem Regenschirm unter der Dusche stand, "damit kein Wasser in seinen Whiskey tropfte." Vielleicht ist diese Erziehung einer der Gründe dafür, warum es so schwierig ist, hier und jetzt eine vergleichbare Stimme zu finden. "Heute spielen bei der Musik viele Faktoren mit, die mit Musik überhaupt nichts zu tun haben", erklärt er. "Aber wenn man die negativen Aspekte hinter sich lässt, ist das Gute immer noch da. Wenn der Kern dessen, worum es geht, greifbar und wertvoll ist, musst du daran festhalten, weil er dich sonst nämlich nicht loslassen wird. Wenn das ganze Leben wie eine Coca Cola-Werbung aussehen würde, gäbe es keine individuellen Ausdrucksformen. Es ist also gut, dass ich die Position erreicht habe, in der ich jetzt bin. Weil ich nicht mehr ignoriert werde."
Lassen wir ihn also eine Reihe renommierter Shows mit R.E.M. spielen und in seiner knapp bemessenen Freizeit bei Ebay nach den wenigen Santo-und-Johnny-Alben sucht, die noch in seiner Sammlung fehlen. Bleibt nur noch ein Punkt zu klären: Was genau ist eigentlich Coles Corner? "Dort stand früher Cole Brothers, ein altes Sheffielder Kaufhaus", sagt Hawley. "Heute ist dort eine blaue Gedenktafel angebracht. Das Geschäft lag in der Nähe diverser Straßenbahn- und Bushaltestellen, und über hundert Jahre lang haben sich dort Paare, Verliebte, Freunde, Mütter und Väter aus Sheffield getroffen. Für mich war das immer eine romantische Vorstellung - wie viele Kinder wurden in Sheffield als Ergebnis einer Verabredung an der Coles Corner geboren? ‚Treffen wir uns bei Coles Corner.' Die Leute sagen das heute noch, obwohl es das Geschäft seit Jahren nicht mehr gibt. Eigentlich existiert diese Ecke nur noch im Äther." Coles Corner wurde 1961 abgerissen. In Richard Hawleys Träumen lebt dieser Ort weiter. Wenn wir wollen, können wir ihn besuchen. Wir brauchen nur die Augen zu schließen und zuzuhören.
Richard Hawley versteht das. Der zurzeit vielleicht beste Songwriter Englands betont, dass er keineswegs nur voller "konfuser Gedanken und Guiness" ist, denn wenn er singt, tut er dies mit jener tiefen Stimme, die nicht lügen kann. Seine erlösenden, weisen Lieder erzählen von der Wahrheit des Herzens, wie man sie in der Dunkelheit im Schein des Mondlichts erkennt. Schließlich ist er ein hoffnungsloser Romantiker, den einst bei seiner Heimkehr aus Amerika der Anblick einer Flasche Henderson's Relish auf dem Küchentisch in Tränen ausbrechen ließ.
COLES CORNER, Richards erste Albumveröffentlichung bei Mute, erscheint am 5. September 2005. Während seine ersten beiden Alben Late Night Final (2001) und Lowedges (2003) - erschienen bei Setanta, bekannt vor allem durch The Devine Comedy - erstaunliche Höhen von Eleganz und emotionaler Offenheit erklommen, ist sein aktuelles Werk wahrscheinlich sein bis dato bestes und vereinigt in Songs, die abwechselnd intim und erhebend klingen, orchestrale Pracht mit erdigem Rock'n'Roll.
Lassen wir uns also von ihm entführen, wenn er uns an den Ozean mitnimmt, das geheime Innenleben eines Hotelzimmers enthüllt oder die verführerische Weite der Landstraße beschreibt. So zum Beispiel der orchestrale Titeltrack, in dem der Erzähler nachts durch die Stadt läuft und hofft: "Maybe there's someone waiting for me / With a smile and a flower in her hair." Diese glühende Momentaufnahme von jener Ambivalenz, die auch Petula Clarks Downtown prägt, ist ein verheißungsvoller Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Im Gegensatz dazu ist Born Under A Bad Sign ein treibendes Country-Bekenntnis für Glockenspiel und Gitarre, das sich langsam um Autobiographie und universelle Erfahrungen bewegt: "What are you like? / You've had a right life / Taken a long ride / But oh, at what cost?"
"Jedes Mal, wenn ich die orchestralen Elemente vorantrieb, dachte ich an das Sun-Studio - ein Mikro, eine Gitarre", erklärt Hawley dieses Nebeneinander von urbanen und ländlichen Einflüssen. "Für mich ist das alles gleichermaßen Rootsmusic, trotz der Streichinstrumente. Ich wollte beweisen, dass beides zusammen funktionieren kann. Dieses Album klingt sehr flüssig und drückt meine Gefühle ehrlich aus. Und wenn jemand die Wahrheit sagt, egal wie hässlich sie auch sein mag, ist das zwangsläufig schön."
Die Aufnahmen fanden im Yellowarch-Studio in Sheffield statt, Hawley und Colin Elliott zeichnen gemeinsam für die Produktion verantwortlich.
Bemerkenswerterweise kam Hawley die Inspiration zu einigen Songs auf dem Album gleich in ihrer endgültigen Form. "Last Orders schrieb ich im Taxi auf dem Weg zum Studio", bestätigt er, offenbar selbst ein wenig überrascht. "An dem Tag litt ich unter einem schrecklichen Kater und hatte diese Melodie im Kopf, also marschierte ich ins Studio und sagte: ‚Schließt ein Mikro an den Flügel an und klopft mir auf die Schulter, wenn die Aufnahme beginnt.' Das Stück war beim ersten Versuch im Kasten. Bei Wading Through The Water trugen wir alle Overalls, weil wir die Studiowände verputzten. Ich hatte mir gerade den Putz von den Händen abgewaschen ... auch der Song klappte beim ersten Anlauf, also gingen wir wieder nach unten und verputzten weiter."
Im Laufe seiner Karriere, die 1981 mit Rythm'n'Blues in deutschen Bierkneipen begann, ist Hawley harte Arbeit nie fremd gewesen. In seinem musikalischen Vorleben spielte er bei den Indie-Helden Treebound Story Gitarre. Später ging er zu den Longpigs und 1998 als Gitarrist zu Pulp, denn, wie Hawley sagt: "Ich war der gewöhnlichste Mensch, den sie kannten." Seine Sololaufbahn nahm 2001 mit einem selbst betitelten Minialbum ihren Anfang. In jüngerer Zeit produzierte er Stücke für Nancy Sinatra, die ihn 2005 auf ihre Europa-Tour mitnahm, war mit seinem Kumpel Jarvis Cocker unterwegs und ist mit der Rockabilly-Band Feral Cats aufgetreten; außerdem zog er sich eine schwere Rippenfellentzündung zu.
Irgendwann folgte die Erkenntnis, dass die Musik, die er schon immer geliebt hat - sei es Fats Domino, Bo Diddley, Hank Williams, Johnny Cash, Little Walter oder andere Giganten aus der Vergangenheit - seine Rettung war. "Ich habe viel erlebt, aber ich bin nicht zynisch", erklärt er. "Ich habe einiges durchgemacht, und ich habe es überstanden. An den Kater danach denke ich nicht, nur an die Party. Denn in einem schönen Album liegt immer Hoffnung. Ich habe gerade ein paar harte Jahre hinter mich gebracht. Verschiedene Menschen, die mir sehr nahe stehen, sind krank geworden. Es kam mir schon so vor, als ob mir jedes Telefonklingeln mitteilen wollte, dass wieder jemand an Krebs erkrankt war. Als ich dann anfing, diese Platte aufzunehmen, kamen plötzlich Anrufe, dass es diesen Menschen wieder besser ging. Jetzt bin ich sehr optimistisch und kann beinahe glauben, dass ich tatsächlich ein paar Platten verkaufen werde und es wirklich Menschen gibt, die sich meine eigenartige Musik anhören."
Wie so häufig kann man auch in Hawleys Fall den Eltern die Schuld an seiner Eigenartigkeit geben. Als Sohn eines Gene Vincent-besessenen Stahlwerkers aus Sheffield wuchs er mit dem Rock'n'Roll auf - die Mutter sang auf der Hintertreppe des Sheffielder Rathauses mit den Everly Brothers, und später brachte ihm sein Vater das Gitarrespielen bei. Tatsächlich hat sein Vater Dave sogar mal mit Eddie Cochran gespielt und erinnert sich an eine Geschichte, als der unglückselige Rocker um drei Uhr morgens mit einem Regenschirm unter der Dusche stand, "damit kein Wasser in seinen Whiskey tropfte." Vielleicht ist diese Erziehung einer der Gründe dafür, warum es so schwierig ist, hier und jetzt eine vergleichbare Stimme zu finden. "Heute spielen bei der Musik viele Faktoren mit, die mit Musik überhaupt nichts zu tun haben", erklärt er. "Aber wenn man die negativen Aspekte hinter sich lässt, ist das Gute immer noch da. Wenn der Kern dessen, worum es geht, greifbar und wertvoll ist, musst du daran festhalten, weil er dich sonst nämlich nicht loslassen wird. Wenn das ganze Leben wie eine Coca Cola-Werbung aussehen würde, gäbe es keine individuellen Ausdrucksformen. Es ist also gut, dass ich die Position erreicht habe, in der ich jetzt bin. Weil ich nicht mehr ignoriert werde."
Lassen wir ihn also eine Reihe renommierter Shows mit R.E.M. spielen und in seiner knapp bemessenen Freizeit bei Ebay nach den wenigen Santo-und-Johnny-Alben sucht, die noch in seiner Sammlung fehlen. Bleibt nur noch ein Punkt zu klären: Was genau ist eigentlich Coles Corner? "Dort stand früher Cole Brothers, ein altes Sheffielder Kaufhaus", sagt Hawley. "Heute ist dort eine blaue Gedenktafel angebracht. Das Geschäft lag in der Nähe diverser Straßenbahn- und Bushaltestellen, und über hundert Jahre lang haben sich dort Paare, Verliebte, Freunde, Mütter und Väter aus Sheffield getroffen. Für mich war das immer eine romantische Vorstellung - wie viele Kinder wurden in Sheffield als Ergebnis einer Verabredung an der Coles Corner geboren? ‚Treffen wir uns bei Coles Corner.' Die Leute sagen das heute noch, obwohl es das Geschäft seit Jahren nicht mehr gibt. Eigentlich existiert diese Ecke nur noch im Äther." Coles Corner wurde 1961 abgerissen. In Richard Hawleys Träumen lebt dieser Ort weiter. Wenn wir wollen, können wir ihn besuchen. Wir brauchen nur die Augen zu schließen und zuzuhören.
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