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P.R.Kantate Biographie

P.R.Kantate

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Was ist ein Sommerhit? Ein Sommerhit ist, wenn man einem Song beim Eismann begegnet, im Taxi, im Club und beim Einkaufen. Ein Sommerhit tönt aus dem dritten Stock durch weit aufgerissene Fenster quer über die Straße, er macht einem bewusst, wie viele Radios in einer Stadt existieren. Ein Sommerhit geht quer durch alle Altersstufen, Rassen und Klassen. Ein Sommerhit ist eine ganz besondere Sache und einen Sommerhit gibt es entgegen anderslautender Aussagen von Plattenfirmen-Promozetteln weiß Gott nicht jedes Jahr. Im Sommer 2003 hatte Berlin einen Sommerhit, vielleicht den außergewöhnlichsten und größten der letzten 10 Jahre.

„Görli Görli“ hieß das Werk und P.R. Kantate sein Protagonist. Song und Sänger kamen so charmant, unerwartet und fröhlich daher, dass sich ihnen keiner entziehen konnte. Berliner Lokal- bzw. Kiezpatriotismus meets Reggaeklassiker - was für eine Kombination! Und genau diese eigenwillige Kombination, dieser Zusammenprall der Kulturen zieht sich durch alles, was P.R. Kantate ist, tut und singt. P.R. steht für Plattenreiter, erst auf den zweiten Blick erkennbar als wörtliche Übersetzung der Berufsbezeichnung Discjockey. Und natürlich bezieht sich Reggae-Kenner Kantate in seiner Namenswahl auf die jamaikanische Bedeutung des DJing – dort ist ein DJ derjenige, der mit dem Mikro in der Hand das Publikum rockt und sozusagen über die Platten reitet, während sein Selectah die Platen auflegt. Dass der heute 29jährige Berliner zum ersten Mundart-Reggae-Vokalist in der Hauptstadt wurde, verdankt er mehr oder weniger einem Zufall: 1991 bewarb er sich für ein einjähriges Schul-Austauschjahr in den USA, wurde abgelehnt und bekam ein Ersatzangebot für Jamaika (!). Er nahm es an.

Kantates Wissen über Reggae reichte zu dem Zeitpunkt noch ziemlich genau von Bob bis Marley, deshalb erwartete er, eine musikalische Inselwelt voller peacig-smoother Reggae-Lovetunes vorzufinden - und war schockiert über die monoton-aggressiven Wort-Tiraden, die gepaart mit simplen, harten Beats unter der Bezeichnung Dancehall die jamaikanische Musikszene dominierten. Es brauchte einige Zeit und wachsende Kenntnis des jamaikanischen Patois-Slangs, bis er Zugang zu diesem seltsamen, hermetischen Musikuniversum fand – dann jedoch wollte er nicht mehr nur hören, sondern machen. Und da Dancehall ohne die Insiderbegrifflichkeiten des Patois nicht denkbar ist, war es für Kantate von vorneherein klar, welchen Slang er in seinen Texten transportieren wollte: den seiner Heimatstadt Berlin.

Nach seinem Jamaika-Jahr kehrte der frischgebackene Dancehall-Jünger 1992 in ein Land zurück, in dem es in einer weitläufig verwandten Szene gerade zu brodeln begann: Die Deutschrapper betraten die Bildfläche und forderten Respekt. Von einem HipHop-Boom konnte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein und Reggae war hauptsächlich als Kiffsoundtrack für Althippies bekannt, Dancehall überhaupt nicht. Kantate machte sich an die Arbeit und leistete seinen Beitrag zur allgemeinen Bewegung: Tapes, kleine Gigs, Kollabo-Tracks, irgendwann mal einen Samplerbeitrag und so weiter. Sein eigenes Label „Stock & Stein“ wurde ins Leben gerufen und mit dem ihm eigenen Sinn fürs Detail saß Kantate ebenso am Computer um seine eigenen Beats zu schrauben, wie er Flyer designte, kleine Gimmicks bastelte oder seine Live-Kostüme entwarf.

2001 dann gab es den ersten eigenen Vinyl-Release: „Berlingua“ – ein Underground-Erfolg, der den Boden für Görli & Co. ebnete. Kantate hatte seine Rolle endgültig gefunden und legte sich nun für seine Bühnenshows eine bunte Mischung von Kostümen und Rollen zu, neben dem Plattenreiter (Markenzeichen: Der Discokugel-Jockeyhelm) auch den Berliner Atze Jünter, den trotteligen Superhelden Kantomias und viele mehr... Ebenfalls tauchte hier erstmals Kantates Mitstreiter Ras Krass, der Patois-King aus Ildeseim, Jamaica, auf. Und immer wieder arbeitete Kantate an seinen berüchtigten Coverversionen – mit Vorliebe großen 80er-Hits, die er zu deutschsprachigen Dancehall- oder Reggaetunes umdichtete. Ohne Skrupel, aber mit viel Liebe zum Original, sowie großem Respekt vor der Reggae-Culture, entstanden so im Laufe von einigen Jahren Dutzende von Skizzen und Ideen, die zum Teil ausproduziert wurden und zum Teil nur Ideen blieben. Eine der Ideen, die irgendwann mal vom Gag zum Song wurde, war eine Coverversion des Sophia George-Klassikers „Girlie Girlie“, die im Kantatestyle nicht etwa einen frauenverrückten jungen Mann, sondern den Lieblingspark des Kreuzbergers, nämlich den Görlitzer Park (im Volksmund Görli genannt) besingt. Die Plattenfirma V2 fand den Song lustig und beschloss, ihn zu veröffentlichen – einige Wochen später fand sich Kantate in den Top 40 der deutschen Singlecharts wieder. In Berlin war Kantate mit Abstand die Nummer eins, zum Teil verkaufte er in Berliner CD-Großmärkten bis zu fünf mal so viele Einheiten wie die zweitplatzierten. Im Rest Deutschlands horchte man auf und war von diesem ungewöhnlichen Chart-Entry geplättet.

Der Sommer 2003 brachte P.R. Kantate also viel Spaß und neue Erfahrungen: Auftritte vor großen Menschenmengen (z.B. 30.000 bei Energy in the Park) oder an seltsamen Orten (in Ibiza, bei den RTL II-Sommerhits), einen Videodreh mit Klaus Wowereit, Rolf Eden und Frank Zander, eine Menge Fernsehauftritte und lustige Doppelseiter in Boulevardblättern wie der BILD. Daneben konnte er endlich seinen bisherigen Broterwerb – Fensterputzer – an den Nagel hängen.

Was P.R. Kantate zu diesem Zeitpunkt nicht hatte, war ein Album – denn die meisten seiner Coverideen waren eben nur Ideen, Demos und Ansätze, nichts, was während dem Görli-Trubel hätte ausgearbeitet werden können.

Im Sommer 2004 ist P.R. Kantate nun besser gerüstet: Die großartige Single mit Kompagnon Ras Krass „U Me Heart“ kommt diesmal – schon alleine durch die englischsprachigen Lyrics von Krass - ohne Berlinbezug aus und kann deshalb auch im Rest der Welt einschlagen ohne Unverständnis hervorzurufen. Außerdem ist nun auch das Album im Kasten – prall gefüllt mit Cover-Hits in verschiedensten Styles, von dancehallig krachend bis rootsig rollend, immer in Kombination mit dem leicht schräg-trashigen Humor des Plattenreiters. Durch die Zusammenarbeit mit seinem (z.Zt. in Berlin lebenden) kongenialen Mitstreiter Ras Krass, die sich durch das gesamte Album zieht, erschließen sich völlig neue Horizonte – es gibt Songs, die einfach nur von einem waschechten Jamaican mit dem echten Vibe versehen werden können. Krass schafft es, jedem Tune eine Unmenge an Seele einzuhauchen und auch die einfachste Bubblegum-Pop-Nummer in eine Roots-Hymne zu transformieren....

Die Neu-Interpretationen weltbekannter Songs von P.R. Kantate und Ras Krass bringen karibisch-kreuzbergerisches Flair in altgeliebte Popnummern und eine Menge Spaß mit sich. Des Respekts der Community kann sich P.R. Kantate ohnedies sicher sein: Um die kulturellen Klischees der Reggae-People so gekonnt zu verarschen, wie er das tut, muss man die Sache an sich gleichermaßen beherrschen wie lieben. Ob nun mit P.R. Kantates neuer Single und dem Album der nächste Sommerhit kommt, weiß man nicht - auf jeden Fall kommt eine Menge guter Musik!
     

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